"Nebelland hab ich gesehen, Nebelherz hab ich gegessen"

27. Jänner 2014, 18:49
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Eine Ausstellung im Museum Moderner Kunst Kärnten befasst sich mit Kunst und Literatur

Klagenfurt - "Ich verlange in allem Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist's gut; wir haben nicht zu fragen, ob es schön, ob es hässlich ist. Das Gefühl, dass, was geschaffen sei, Leben habe, stehe über diesen beiden und sei das einzige Kriterium in Kunstsachen", heißt es in Büchners Erzählung Lenz. Die Frage, aus welchem Stoff Kunst gemacht ist, ging Georg Büchner zwar nicht gerade am Allerwertesten vorbei, primär aber interessierte er sich wie viele seiner Künstlerkollegen für Essenz. Also jene Verdichtung, die dem Betrachter, dem Leser, dem Zuhörer die Binde von den Augen reißt und ihn in einen Zustand der Beteiligung stürzt.

(Ver-)Dichtung ist es auch, der Nebelland hab ich gesehen, eine im Museum Moderner Kunst Kärnten gezeigte Ausstellung über das "Verhältnis von Kunst und Literatur" ihren Titel verdankt. Es ist jenes "Nebelland", ein Ort an dem - wie in Ingeborg Bachmanns Gedicht - die Grenze zwischen Wort und Bild verschwimmt, zu dem der Besucher geführt wird.

Die Themen Übersetzen, Übertragen, Verbinden ziehen sich wie rote Fäden durch die Ausstellung. So wie das Sujet der Grenzerfahrung. Angelika Kaufmann etwa macht ein zweisprachiges Buch über den Kärntner Abwehrkampf "begehbar", indem sie dessen Text mit weißer Acrylfarbe auf großflächig an den Wänden drapierte Transparentpapierrollen abschreibt. Wie Kaufmann, deren weiße Buchstaben zu konzentriertem Lesen zwingen, fordert auch Eva Schlegel einen genauen Blick ein, indem sie fotografierte Buchseiten so unscharf auf Glasplatten überträgt, dass sie gerade noch als Schrift erkennbar, aber nicht mehr lesbar sind.

Magie der Worte

Auf die Magie und Leuchtkraft von Worten wie "Geist" oder "Notwendigkeit" verweisen auch die Arbeiten von Viktor Rogy (1924 -2004) und Bella Ban, die zwischen Kunst uns Sein keine Unterscheidung treffen. Die ersten und die letzten Dinge sind es hingegen, auf die Werner Hofmeister und Heimo Zobernig Bezug nehmen.

Während sich Letzterer in Apokalypse, Heft mit Text und Fotografien mit dem Ende befasst, bezieht sich Hofmeister in einer geschmiedeten Werkbank auf das Wort, das bei Evangelist Johannes im Anfang war. Viele der präsentierten Positionen beziehen sich explizit auf Literatur. Johannes Zechner zeigt einen großen Friederike Mayröcker Zyklus, während Maria Bussmann Musils Text Das Fliegenpapier zeichnet.

Und Follow the leader lautet der Titel einer Installation von Ines Doujak: Sie lässt zehn schwer mit Bildern beladene Schiffe den Saal kreuzen. Sie bezieht sich dabei auf Herman Melvilles Erzählung Benito Cereno (1855) über den Aufstand auf einem Sklavenschiff. Dass, wenn es um Kunst und die Lesbarkeit der Welt geht, Ferdinand Schmatz, FALKNER und Julius Deucbauers (sic!) Bibliothek der ungelesenen Bücher nicht fehlen dürfen, versteht sich in dieser, einen eleganten Bogen von Regionen des Sehens zu Gefilden des Lesens schlagenden Ausstellung von selbst. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 28.1.2014)

Bis 16. 2.

  • Die Not mit Kunst und Leben wenden: Viktor Rogys Neonleuchtschrift "notwendigkeit" (1983).
    foto: bella ban

    Die Not mit Kunst und Leben wenden: Viktor Rogys Neonleuchtschrift "notwendigkeit" (1983).

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