Ed Snowden, der gute Systemadministrator

Kommentar der anderen27. Jänner 2014, 18:36
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Der Whistleblower im russischen Exil ist selbstloser Held, aber vor allem amerikanischer Patriot

Von der NSA hat er sich nicht losgesagt, er will sie vielmehr verbessern – für die USA, nicht zugunsten der Welt.

Nein, es ist kein Zufall, dass die russische Regierung bevorzugt deutsche Journalisten und Politiker zu Edward Snowden vorlässt. Es liegt im russischen Interesse, die Deutschen und die Amerikaner ein wenig voneinander zu entkoppeln. Deshalb gab es vergangenen Sonntag einen "exklusiven"  Snowden-Abend im deutschen Fernsehen.

Auch für Deutschland ist Snowden ein Glücksfall. Seine Enthüllungen erinnern uns daran, wie misstrauisch die Amerikaner uns immer noch begegnen. Snowdens Kritik entschädigt uns aber auch für die "Schmach" , selbst nach 65 Jahren Nato noch immer wie ein unmündiger Vasall behandelt zu werden. Von solchen historisch verursachten Kalamitäten weiß der junge Amerikaner vermutlich wenig. Sein Ziel ist die Wiederherstellung der inneren Werte Amerikas, nicht die Veränderung der geostrategischen Gemengelage.

Da uns Snowdens US-Patriotismus aber wenig interessiert, haben wir sein Weihnachtsinterview mit der Washington Post auch kaum beachtet. In diesem bemerkenswerten Interview sagte Snowden, er arbeite noch immer für die NSA; er wolle den Geheimdienst nicht kaputtmachen, sondern verbessern. Er sei mit den Daten sorgfältig umgegangen und habe brisante Inhalte, die Amerika schaden könnten, unter Verschluss gehalten.

Sein Motiv, als Geheimdienstmitarbeiter die Öffentlichkeit zu informieren, begründete er damit, dass die NSA inzwischen mehr Amerikaner in Amerika abhöre als Russen in Russland. Die NSA, so konnte man diese Bemerkung interpretieren, solle sich wieder auf ihre Aufgaben konzentrieren und das Abhören des eigenen Volkes unterlassen.

Schließlich deutete Snowden noch an, dass er seine "Mission"  beenden werde, wenn Präsident Obama – wie versprochen – den aus dem Ruder gelaufenen Geheimdienst reformiere. Seine Aufgabe sei damit erfüllt: "Mission accomplished" . (So hieß übrigens auch die Rede, die George W. Bush nach dem Ende des US-Kampfeinsatzes im Irak gehalten hat.) 

Vielleicht wollte Edward Snowden mit seinem Interview nur einen Fuß in jene Tür bekommen, die ihm den Rückweg in ein geläutertes Amerika ermöglichen soll. Doch sein Friedensangebot klang aufrichtig. Er sagte (ohne dass ihn die Washington Post danach gefragt hätte): Ich will die Gesellschaft nicht verändern. Ich bin auch nicht gegen Überwachung und Spionage, ich bin nicht einmal gegen die NSA. Als guter Patriot bin ich für eine gezielte Überwachung der Richtigen, für eine Mäßigung in der Zielauswahl, für saubere und plausible Methoden, für begrenzte, klar umrissene Operationen, für sichere und professionell arbeitende Dienste.

Snowden übernahm damit die Rolle des guten Cops, der seine über die Stränge schlagenden Kollegen auffliegen lassen muss, weil nur so die beschmutzte Weste ­seines Police Department wieder weißgewaschen werden kann. ­Damit folgte er dem Muster amerikanischer Selbstreinigung, die – nicht nur in populären Hollywoodstreifen – stets die Aufgabe einsamer Helden ist.

Kein "Verräter"  vor Snowden hat den Part des moralischen ­Erneuerers so überzeugend aus­gefüllt wie er. Weder in seiner Selbstdarstellung noch im Verhalten gegenüber fremden Mächten und Medien hat er entscheidende Fehler gemacht. Deshalb hat er auch – anders als seine Vorgänger – das Zeug zum politischen Reformer. Seine Bündnispolitik ist gut überlegt. Er lässt sich von vielen helfen, aber er weist etwa den ­Alleinvertretungsanspruch von Wikileaks zurück. Er sucht sich Verbündete vor allem in jenem System, das er administriert hat: bei amerikanischen Demokraten und Republikanern.

Hinter den Kulissen scheint es auch längst um die Anbahnung eines Deals zu gehen. Indiz dafür ist, dass selbst die hartherzige New York Times Gnade und Re­habilitierung für den tapferen ­US-Bürger Snowden fordert. Und selbst der US-Justizminister nennt sich gesprächsbereit.

Vielleicht wird uns also der Pa­triotismus Snowdens eines Tages enttäuschen. Vielleicht müssen wir erkennen, dass er zuallererst ein guter Amerikaner ist. Vielleicht glaubt er wirklich an seine NSA! Vielleicht will er seinem Land nur zeigen, wie verwundbar der überdehnte Apparat durch seine innere Zügellosigkeit und Unkontrollierbarkeit geworden ist? Vielleicht will er, dass die NSA endlich wieder besser und effektiver "geführt"  wird? Edward Snowden ist der gute Cop. Und der kämpft nicht gegen das System, er kämpft für das System, weil er es prinzipiell für reformierbar hält.

Insofern machen sich Julian Assange und andere, die Snowden in ihre Strategie gegen das System mit einbauen möchten, falsche Hoffnungen. Und wir Deutschen lügen uns in die eigene Tasche, wenn wir glauben, dass Obamas NSA-Reform irgendeine Verbesserung für uns bringen wird. (DER STANDARD, 28.1.2014)

Wolfgang Michal ist Mitherausgeber des Online-Autorenforums Carta.

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