Sturm um ein Denkmal

Kolumne27. Jänner 2014, 18:31
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Die Orbán-Regierung schiebt die Schuld für die Auslöschung von insgesamt fast 600.000 Bürgern jüdischen Glaubens ausschließlich den Deutschen und den "Pfeilkreuzlern" in die Schuhe

Was ist der Grund für die leidenschaft­liche Ausein­andersetzung über die ohne öffentliche Diskussion ­gefasste blitzschnelle Entscheidung der ungarischen Regierung, ein riesiges Denkmal für die Opfer der deutschen Besatzung Ungarns am 19. März 1944 im Herzen von Budapest zu errichten? Hat doch dieser Tage sogar der ungarische Botschafter bei den Vereinten Nationen in New York die Verantwortung des ungarischen Staates für den Holocaust anerkannt und sich dafür bei den Überlebenden entschuldigt. Warum protestierten 25 angesehene ungarische Historiker gegen die Errichtung des Denkmals "in Erinnerung an alle Opfer" als Geschichtsfälschung, als Vermischung der Opfer und der Täter und fordern, zusammen mit der jüdischen Kultusgemeinde, die Streichung des kostspieligen Projektes?

Es gab in der Tat überhaupt keinen Widerstand. Die deutschen Truppen waren von der großen Mehrheit der Bevölkerung freundlich aufgenommen. Nicht das kleine SS-Sonderkommando, sondern die reibungslos funktionierenden Gendarmen und Polizisten des Horthy-Regimes organisierten die Deportation von 437.000 Menschen in sieben Wochen nach Auschwitz. Mit dem Denkmal schiebt die Orbán-Regierung die Schuld für die Auslöschung von insgesamt fast 600.000 Bürger jüdischen Glaubens ausschließlich den Deutschen und den "Pfeilkreuzlern" in die Schuhe. Die Letzteren spielten aber bei den Deportationen keine Rolle. 

Viele Ungarn profitierten 1944 von der Neuverteilung des Vermögens. All das wurde oft, so auch im Tagebuch des großen Schriftstellers Sándor Márai, beschrieben: "Das Land ertrinkt in Schuld. Es wird ­Generationen dauern, bis sein Ruf, seine Ehre wiederhergestellt sind. Und wir können uns nicht einmal darauf be­rufen, dass all das unter äußerstem, fremdem Zwang geschehen sei; der Zwang war da, aber das Volk trug willig und spontan das Seine dazu bei, die Schande zu einer ­historischen Verantwortung zu machen." 

Man kann den ganzen Ablauf im Standardwerk (1486 Seiten) des hochangesehenen Historikers Randolph L. Braham aus New York nachlesen. Der Doyen der Holocaustforschung hat jetzt aus Protest gegen den "schamlosen Kurs der Geschichtsfälschung, gegen den feigen Versuch, durch das Denkmal die Aufmerksamkeit von der Rolle des Horthy-Regimes bei der Vernichtung des Judentums abzulenken", die von der Orbán-Regierung verliehene hohe Auszeichnung öffentlich zurückgeschickt. Auch der bekannte Historiker István Deák von der Columbia-Universität verurteilt das geplante Denkmal als die Fortsetzung der früheren kommunistischen Propaganda, Ungarn ausschließlich als Opfer des deutschen Einmarsches hinzustellen. Der junge ungarische Historiker Krisztián Ungváry bezeichnete indessen die gelegentliche Betonung der ungarischen Verantwortung durch Fidesz-Politiker als "eine nach außen gemünzte Augenwischerei", da zugleich hundert Millionen von Forint an neue Forschungsinstitute zur Pflege der nationalen Lüge und zur Weißwaschung des Horthy­-Regimes verteilt werden. Diese sollen nun die nationale Opfertheorie verbreiten, um auch vor den kommenden Wahlen den Boden der rechtsradikalen Jobbik-Partei zu entziehen. (DER STANDARD, 28.1.2014)

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