Via Wahlarzt schneller auf den Operationstisch

27. Jänner 2014, 18:16
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Private Ärzte sind willens, ihre Patienten für Operationen vorzureihen, fand eine VKI-Testerin heraus. Beim Präsidenten der niederösterreichischen Ärztekammer entdeckte sie gar eine unlautere Abrechnung

Wien - Geht in Praxen von privaten Orthopäden alles mit rechten Dingen zu? Das überprüfte der Verein für Konsumenteninformation (VKI) in zwölf Ordinationen in Wien und Niederösterreich - und fand dabei diverse Ungereimtheiten. Die politisch brisanteste spielte sich nach Standard-Informationen beim Orthopäden Christoph Reisner, seines Zeichens Präsident der niederösterreichischen Ärztekammer, ab.

Auf seiner Honorarnote für die Testpatientin vermerkte er verschiedenste Positionen, unter anderem "ausführliche Untersuchung" und "manuelle Therapie". Bloß: Die Testpatientin hat von einer Therapie rein gar nichts bemerkt. "Er hat einmal das rechte und einmal das linke Bein angehoben. Das war's", berichtet VKI-Gesundheitsexpertin Bärbel Klepp über den Arzttermin, bei dem auch eine Zeugin dabei war.

Beihilfe zum Betrug?

Das ist deshalb relevant, weil die Patientin diese Honorarnote bei der Krankenkasse einreichen könnte, von der sie wiederum 80 Prozent des Tarifs für eine "manuelle Therapie" zurückbekommen würde. Konkret wären das wohl nur ein paar Euro - und dennoch: Wisse die Patientin, dass sie Geld für eine nichterbrachte Leistung zurückfordere, sei das Betrug; der betreffende Arzt würde Beihilfe zum Betrug leisten, sagen die VKI-Rechtsexperten. Der Arzt würde zwar direkt nicht von der Krankenkasse finanziell profitieren, aber quasi auf Kosten der Allgemeinheit seine Ordination attraktiver machen.

Ein Vorwurf, den Reisner, Oberarzt an der Orthopädie im Krankenhaus Wr. Neustadt, weit von sich weist: Die Patientin, die seine private Ordination aufgesucht hat, sei wohl nicht in der Lage gewesen, Untersuchung und Therapie voneinander zu unterscheiden. Das rühre daher, dass es sich bei der "manuellen Therapie" um eine "besonders sanfte" Methode handle, wie Reisner am Montag im Standard-Gespräch erklärte. Er warne seine Standeskollegen stets davor, "Leistungen auf Honorarnoten zu schreiben, die nicht erbracht wurden". Persönlich habe er "ein reines Gewissen".

Vermerk "akut"

Nicht nur Extrageld von der Kasse, auch die Vorreihung auf einer Warteliste ist laut VKI-Test alles andere als unmöglich. Fünf der zwölf Ärzte versprachen der Patientin einen rascheren Termin über ihre Ordination, teilweise reduzierte sich die Wartezeit von mehreren Monaten auf wenige Wochen. Möglich wird das innerhalb eines Krankenhauses, wenn der behandelnde Arzt eine besonders akute Notwendigkeit einer Operation vermerkt.

Dass zwölf Ärzte bei ein und derselben Patientin zu so einem unterschiedlichen Urteil kommen, macht auch den Sprecher der österreichischen Patientenanwälte, Gerald Bachinger, stutzig. Er fordert, die Regelung für das Wartezeitenmanagement, die seit Mitte 2011 in Kraft ist, zu novellieren: "Die Kriterien sind viel zu unscharf." Zusätzlich brauche es "Mechanismen der Kontrolle", denn selbst die genauesten Kriterien könnten von Ärzten immer noch umgangen werden.

Für Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) sind die Testergebnisse des VKI - sollten sich diese bewahrheiten - "inakzeptabel". Er sieht sich bestätigt in seinem Bemühen, Wartelisten transparenter zu machen. Die genaue Ausgestaltung der Gesetze obliegt den Ländern; Niederösterreich ist diesbezüglich Vorreiter: Dort muss jeder Patient Auskunft erhalten, wie es mit der Warteliste für eine bestimmte Operation aussieht.

Im Gesundheitsministerium ist man jedenfalls dabei, Wartezeiten zu erheben und Richtwerte auszuarbeiten, damit Patienten besser einschätzen können, ob sie fair behandelt werden. (Andrea Heigl, DER STANDARD, 28.1.2014)

  • Die Wartezeiten auf eine neue Hüfte können höchst unterschiedlich sein. Wahlärzte ermöglichen mitunter eine Beschleunigung.
    foto: dpa/woitas

    Die Wartezeiten auf eine neue Hüfte können höchst unterschiedlich sein. Wahlärzte ermöglichen mitunter eine Beschleunigung.

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