Hals über Kopf - wilde Perspektiven vom Leben

Rezension29. Jänner 2014, 10:34
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Wolfgang Herrndorfs Blog-Buch "Arbeit und Struktur" ist ein atemberaubendes Protokoll über seine Krankheit

Der Titel ist sperrig. Sehr deutsch mit einem Drang in die Metaebene. Würde man Wolfgang Herrndorf, den Autor des Jugendromans "Tschick" nicht kennen, könnte man sich davon abschrecken lassen. Schnell ist aber dann klar: Man wird dieses Buch nicht mehr weglegen können. "Arbeit und Struktur" ist die Geschichte einer Krankheit, konkret des Glioblastoms. Das ist ein bösartiger Hirntumor, mit dem der Autor im April 2010 konfrontiert wird. Als einer, der über allem anderen an das geschriebene Wort glaubt, entscheidet sich Herrndorf, Tagebuch zu führen. Online. "Arbeit und Struktur" ist der Titel seines Blogs, der jetzt in gedruckter Form erscheint.

Gedanken lesen

Verbannt einen das in die Rolle eines Voyeurs, der sich am Leid eines anderen delektiert, könnten Skeptiker fragen. Nein, tut es nicht, denn um Mitleid oder Anteilnahme geht es dem Autor in keiner Zeile. Als Meister des sachlichen Diskurses konfrontiert er sich mit den Grundfragen von Existenz, mit seiner Rolle als googelnder Patient, dem Duktus von Arztgesprächen, der Aufrechterhaltung von Alltag.

Herrndorfs Hirnzellen feuern im Angesicht der physischen Bedrohung, formulieren brillante Fantasien, und plötzlich entdeckt man, wie sehr Krankheit auch ein Motor sein kann. Wer immer schon einmal wissen wollte wie sich eine Psychose, wie sich Epilepsie anfühlt und vom normalen Denken unterscheidet, kann es "Inside Wolfgang Herrndorf" erleben - so könnte auch die englische Übersetzung dieses Buches lauten.

Pistole beruhigt

Seit April 2010 denkt Herrndorf über sein Ende nach, thematisiert immer wieder Todesarten. Stets wollte er am Ende selbst den Punkt setzen können. Als Mensch und als Autor, deshalb beruhigte ihn nichts mehr als seine Pistole auf dem Schreibtisch, betont er immer wieder. Am 23. August hat sich Herrndorf in Berlin erschossen. Sein Blog ist zu einem Vermächtnis geworden. (Karin Pollack, DER STANDARD, 28.1.2014)

Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur.
Rowohlt 2013, 447 Seiten, 20,60 Euro

  • Im April 2010 erhielt Wolfang Herrndorf die schreckliche Diagnose: Glioblastom
    foto: epa/erwin elsner

    Im April 2010 erhielt Wolfang Herrndorf die schreckliche Diagnose: Glioblastom

  • Sein Blog ist zu seinem literarischen Vermächtnis geworden. 
    foto: rowohlt

    Sein Blog ist zu seinem literarischen Vermächtnis geworden. 

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