Banken: Ökonomen orten Milliarden Kapitallücke

27. Jänner 2014, 17:21
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Europas Bankensektor braucht rasch rund 84 Milliarden Euro Kapital, argumentieren Ökonomen in zwei Studien

Frankfurt/Wien - "Eine kräftige und entschlossene Rekapitalisierung des Bankensektors ist der Schlüssel, damit die Banken wieder zum Wirtschaftswachstum beitragen können." Der niederländische Bankenprofessor Dirk Schoenmaker von der Duisenberg School of Finance rechnet in einem Arbeitspapier der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vor, was das heißt. Zumindest 84 Milliarden Euro frisches Kapital brauchen die größten Banken seinen Berechnungen zufolge.

In deutschen Medien hat die Studie für Aufsehen gesorgt. Denn Schoenmaker erwartet immerhin 26,7 Milliarden Euro an Kapitalbedarf bei den zwei größten deutschen Privatbanken Deutsche Bank und Commerzbank. Bei der OECD will man die Studie nicht kommentieren. Es handle sich um ein Arbeitspapier, das von externen Autoren verfasst worden sei. Bei der französischen Großbank Crédit Agricole ortet Schoenmaker 31,5 Mrd. Euro Kapitalbedarf. Selbst an den Finanzmärkten hat die Studie für Aufsehen gesorgt. Bankaktionäre und -analysten sind aktuell nervös, weil die Europäische Zentralbank die 124 größten Banken einem Bilanzcheck und einem Stresstest unterzieht.

Doch so abwegig dürften die Zahlen von Schoenmaker nicht sein. In einer aktuellen Studie für die Brüsseler Denkfabrik CEPS haben Viral Acharya von der New York University und Sascha Steffen von der European School of Management and Technology in Berlin auch den Kapitalbedarf erhoben. Ihre Berechnungen beinhalten immerhin 109 der 124 Banken, die von der EZB geprüft werden. Für deren Bilanzen haben die beiden Autoren einen Stresstest durchgeführt: Zumindest 82 Milliarden Euro an frischem Kapital braucht Europas Bankensektor demnach. Bei strengeren Kriterien, etwa höheren Kapitalquoten oder stärkere Krisen, steigt der Kapitalbedarf deutlich an, auf dreistellige Milliardenbeträge.

Doch Acharya und Steffen hoffen dennoch, dass kaum Staatsgeld fließen muss, um die Kapitallücken zu schließen: "Mit Kapitalerhöhungen und Haircuts für nachrangige Gläubiger sollte es möglich sein, den Kapitalbedarf für viele Banken im Griff zu haben." Die Autoren nennen konkret die Regierungen in Belgien, Zypern und Griechenland, die ihren Problembanken helfen müssen.

Einig sind sich die Autoren von beiden Studien darin, dass es bei der Rekapitalisierung schnell gehen müsse. Denn dünn kapitalisierte Banken bleiben ein Hemmschuh für Wachstum in Europa. Schoenmaker zufolge besteht ein enger Zusammenhang zwischen Kapitalisierung und einer Kreditklemme. Er hat den Bankensektor nach Kapitalisierung in Drittel aufgeteilt und analysiert, wie sich die Kreditvergabe seit 2008 entwickelt hat: "Nur das Drittel der am besten kapitalisierten Banken vergibt Kredite." Die übrigen zwei Drittel würden hingegen ihre Kreditvergabe einschränken.

Belastung für Kreditvergabe

Schoenmaker rechnet vor, dass Banken erst bei einer Verschuldungsquote (Marktkapitalisierung durch Bilanzsumme) von drei bis vier Prozent gesund sind. "Einige Banken in Europa sind immer noch unter dieser Schwelle und daher noch nicht bereit, neue Kredite zu vergeben", schreibt er in der Studie. Daher sollte die Europäische Zentralbank mit ihrer Bilanzprüfung (Asset Quality Review) und einem strengen Stresstest im Herbst 2014 relativ rasch den Bedarf von Kapitalerhöhungen festschreiben, fordert Schoenmaker. Im Gegensatz zu früheren Tests sollte die EZB aber keine Kapitalquoten festschreiben, weil sonst zu befürchten sei, dass die Banken ihre Bilanzen schrumpfen und die Realwirtschaft belasten. Zudem sollte die EZB den Geldinstituten nur drei bis sechs Monate Zeit geben, um die Kapitallöcher zu stopfen.

Tatsächlich haben einige europäische Banken bereits die Kapitalflut eingeläutet. Am Montag hat die italienische Banco Popolare bekanntgegeben, dass sie sich 1,5 Milliarden Euro an frischem Kapital holen möchte. Die heimische Raiffeisen Bank International will mit ihrer Kapitalerhöhung 2,78 Mrd. Euro einsammeln. (sulu, DER STANDARD, 28.1.2014)

  • Stürmisches Umfeld für Europas Großbanken. Gerade in Frankfurt verortet eine aktuelle Studie hohen Kapitalbedarf. Ohne rasche Kapitalerhöhung drohten eine Kreditklemme und niedriges Wachstum.
    foto: apa/epa/frank may

    Stürmisches Umfeld für Europas Großbanken. Gerade in Frankfurt verortet eine aktuelle Studie hohen Kapitalbedarf. Ohne rasche Kapitalerhöhung drohten eine Kreditklemme und niedriges Wachstum.

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