Währungen: An der Schwelle zum Abgrund

27. Jänner 2014, 17:41
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Türkische Notenbank ruft Krisensitzung ein, Argentinien gibt Dollar-Käufe mit Limit frei

Wien - Die türkische Zentralbank reagiert auf die Talfahrt der Landeswährung Lira und ruft zur Krisensitzung. Seit zweieinhalb Jahren hat es so ein Treffen nicht mehr gegeben. Die Landeswährung ist am Montag zum Dollar auf einen Kurs von 2,39 gerutscht und hat damit ein Rekordtief erreicht. Um die Preise stabil zu halten, erwarten Experten, dass der Leitzins nun kräftig angehoben wird.

Ökonom Timothy Ash von der Standard Bank rechnet mit einem "aggressiven Zinsschritt". Derzeit liegt der Zinssatz bei 4,5 Prozent. Gebeutelt wird die Türkei unter anderem von im Dezember aufgeflogenen Korruptionsermittlungen gegen Regierungsmitarbeiter.

Derzeit leiden Schwellenländer wie die Türkei unter einem giftigen Cocktail. Das schwächere Wirtschaftswachstum, Konjunktursorgen in China sowie politische Probleme in Argentinien und der Ukraine zeigen, wie verletzbar die bisher aufstrebenden Länder sind. Hinzu kommt, dass die US-Notenbank Fed begonnen hat, ihr Stimulusprogramm zu drosseln, was zusätzlich Druck auf die Länder macht. "Der Markt schaut gerade sehr genau auf die Schwellenländer", sagte Jeffrey Halley, Händler bei Saxo Capital Markets in Singapur.

Knackpunkt Leistungsbilanz

Was die Länder so verletzlich macht, ist auch ihre Leistungsbilanz. Länder mit hohen Defiziten stehen unter Druck (siehe Grafik). Indien oder die Türkei etwa sind in den vergangenen Jahren schneller gewachsen als die Industrieländer. Weil aber mehr importiert wird als exportiert, entstand ein Leistungsbilanzdefizit, das mit ausländischem Kapital finanziert wird. Weil die wichtigsten Notenbanken zur Bekämpfung der Finanzkrise die Zinsen niedrig halten, floss viel billiges Geld in die Schwellenländer. Damit war die Finanzierung der Defizite bisher kein Problem.

Seit die US-Notenbank Fed vergangenen Mai die Drosselung ihrer Anleihenankäufe angekündigt hat, hat eine Flucht des billigen Kapitals aus den Schwellenländern eingesetzt. Die Leistungsbilanzdefizite können nicht mehr mit Fremdkapital ausgeglichen werden, die Währung wertet in der Folge ab. Eine schwächere Lokalwährung verteuert wiederum die Importe, die Preise ziehen an.

Freiheit mit Limit

In Argentinien führt die Kombi aus abrutschendem Peso und steigender Inflation nun dazu, dass Geschäftsleute sich schwertun, die Preise für ihre Waren festzusetzen. Um gegenzusteuern, hatte die Regierung angekündigt, die Kapitalverkehrskontrollen zu lockern. Die Bürger sollten vor allem leichter an den begehrten US-Dollar kommen. Am Montag wurde das jedoch auf 2000 US-Dollar pro Monat eingeschränkt. "Das ist zwar eine Erleichterung, aber nicht die Freiheit", sagt Ökonom Rodolfo Rossi in Buenos Aires. Experten erwarten daher, dass der Druck auf dem Peso bleibt und die Währung weiter nachgeben wird.

Die Schwellenländer sind heute zwar weniger in Fremdwährungen verschuldet und daher nicht mehr so anfällig wie noch in den 1990er-Jahren. Dennoch hat die Drohung der US-Fed, die Geldpolitik der größten Notenbank zu straffen, zu einem massiven Vertrauensverlust geführt. Analysten zufolge flossen allein in der Vorwoche 2,4 Milliarden Dollar aus den Schwellenländern ab.

Gefahr könnte zudem von den chinesischen Kreditmärkten und der hohen Verschuldung in Chinas Finanzsystem ausgehen. Gerüchte um eine Herabstufung der Bonität Chinas machen zudem die Runde. Die Kreditausfallversicherungen auf chinesische Staatsanleihen erreichten den höchsten Stand seit Juli 2013. Vergangene Woche hatten schwache Konjunkturzahlen aus China den Abverkauf bei Schwellenländern beschleunigt. Für viele Exporteure von Rohstoffen ist eine hohe Nachfrage aus China ein wichtiger Devisenbringer. (bpf, DER STANDARD, 28.1.2014)

  • Der Tango Argentino gilt als wild und leidenschaftlich. Nach der Abwertung in Argentinien haben Anleger ihr Feuer aber verloren und ziehen ihr Geld aus den Schwellenländern ab.
    foto: reuters/enrique marcarian

    Der Tango Argentino gilt als wild und leidenschaftlich. Nach der Abwertung in Argentinien haben Anleger ihr Feuer aber verloren und ziehen ihr Geld aus den Schwellenländern ab.

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