Akademikerball: Helden sehen anders aus

Leserkommentar27. Jänner 2014, 12:53
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Warum schaffen wir es nicht, unsere Konflikte gewaltfrei zu lösen?

Der Akademikerball ist vor allem eins: eine Schande. Und zwar vor allem für Links. Denn was sich am 24.01.2014 abgespielt hat, ist Österreich nicht würdig: Eine linke Radikale, die schon längst vergessen hat, was gewaltfreier Widerstand bedeutet und eine vermeintlich linke Politik, die – aus welchen Gründen auch immer – zulässt, dass in der Weltstadt Wien die Rechten sprichwörtlich hofiert werden. Die linke Mitte agiert damit eher wie ihr schwarzes Pendant, das zuweilen sogar Probleme damit hat, ihre rechtsaffinen Mitglieder im Zaum zu halten. Die Polizei wiederum wirkt in ihrem Handeln höchst verunsichert, wenn sie sich für Presseverbot (!) und ein großräumiges Platzverbot entscheidet, das sie keine drei Stunden lang aufrechterhalten kann. Wasser auf die Mühlen der Rechten und ihrer potentiellen Anhängerschaft.

Dabei geht's auch anders

Am anderen Ende des Gewaltspektrums stehen friedliche Demonstrationen, Kundgebungen und gewaltfreier Aktivismus. Große Züge mit verkleideten und musizierenden Teilnehmern stellen sicher, dass der Unmut über diese Veranstaltung vom Rest der Bevölkerung auch wahrgenommen wird. Der schwarze Block ist für die Demoteilnehmer alles andere als repräsentativ und steht ohnehin im Verdacht, von den aus Deutschland angereisten Berufsdemonstranten durchwachsen zu sein.

Für diese Art von Aktivismus haben die restlichen Demonstranten nichts übrig und bemühen sich um Schadensminimierung, indem sie zum Beispiel umgeworfene Blumentöpfe wieder aufrichten. Natürlich ist der Vorwurf einer radikalen Linken zurecht erhoben, aber wie die Innenstadt aussehen würde, wenn sich 6.000 „radikale Rechte" zu einem Demonstrationszug entscheiden würden, werden wir hoffentlich nie erfahren. Ob dann noch jemand die Blumentöpfe wieder aufrichten würde?

Unverhältnismäßig

Es ist höchst irritierend, dass es sich die Hofburg noch erlaubt, dieses Treffen auszurichten. Die Besucherzahlen beim Ball schwinden, die internationale Prominenz ist dieses Jahr laut Mölzer gleich null und der Widerstand in der Bevölkerung wird immer größer. Welche politische Strategie rechtfertigt bei solchen Tatsachen dieses Theater? Welche Seilschaften sind an der Arbeit, um die Bevölkerung so in Aufruhr zu versetzen, dass sie dafür auf die Straße geht? Im Winter!

Während nämlich nach optimistischen Schätzungen 8.000 Personen auf der Straße waren, schütteln noch viel mehr Menschen vor den Bildschirmen ihre Köpfe ob dieser kindischen Auseinandersetzung. Eine Million Euro an Steuergeld für den Einsatz von 2.000 Exekutivbeamten in Kampfmontur sind wirklich nicht das, was eine gute Kosten-Nutzen-Rechnung ausmacht. Die populistischen Echos werden noch lange hörbar sein und die Radikalisierung schreitet auf beiden Seiten fort. Was tut so eine Veranstaltung gutes?

Das letzte Argument der Rechten ist immer die Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Die haben sie. Aber bitte nicht in der Hofburg. Das gehört sich nicht. Welche Konsequenzen das hat, sieht man anhand der letzten Nacht: Der Heldenplatz ist fürs Volk gesperrt, vor dem Tor stehen Wasserwerfer, und die Exekutive in Riot-Gear. So sieht die Freiheit der Rechten in Österreich aus. Vom Meinungs- und Versammlungsrecht haben beide Seiten genug Gebrauch gemacht. Bloß die einen stehen in der Kälte und die anderen tanzen in der Hofburg. (Leserkommentar, Bernhard Kastner, derStandard.at, 21.1.2014)

Bernhard Kastner ist Student der Landschaftsplanung und -architektur an der BOKU in Wien.

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