Der Mächtige und der Staat

28. Jänner 2014, 11:20
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Der Schriftsteller Ilija Trojanow über Giuseppe Verdis Oper "I due Foscari" am Theater an der Wien

Es gibt zwei Möglichkeiten, Verdis selten gespieltes "I due Foscari" aufzuführen: Man übertrage die Rolle des alten Dogen an Placido Domingo oder man kitzele frischen Sinn aus einem schwerfälligen Drama. Im Theater an der Wien hat man sich für erstere Variante entschieden, was zu einem rundum wohligen und wohlgelaunten Abend führte.

Foto: Herwig Prammer

Aber auch der zweite Weg wäre reizvoll, würde man die dramatische Schwäche der Oper in eine konzeptionelle Stärke umwandeln und den Mangel an Entwicklung, das Fehlen von Konflikten, nicht dem Librettisten (oder Lord Byron), sondern dem Stadtstaat Venedig in die Schuhe schieben. Zu Beginn des Stücks wird Sohn Foscari in einem Käfig auf die Bühne hinabgelassen. Eigentlich sollte auch Vater Foscari im Käfig stecken, eigentlich sollten alle Figuren dieser venezianischen Aufstellung an den Stäben eines Käfigs rütteln. Denn ein jeder ist in den institutionellen Strukturen gefangen. Das politische System der Republik Venedig bestand aus dem komplexen Versuch, die Privilegien einer städtischen Aristokratie zu erhalten und die Allmacht einzelner Mitglieder zu verhindern. "I due Foscari" ist die theatralische Behauptung, auch der Mächtige sei ein Gefangener des Staates, was er tue zwar von größerer Wirkung, was er tun dürfe hingegen so eingeschränkt wie bei jedem anderen Individuum.

Insofern kann der Ältere jammern und der Jüngere toben, die Sohnesgattin flehen und die Intriganten drohen so viel sie wollen (reichlich Monologe), die Würfel sind längst gefallen, der Rat der Zehn hat den Gesetzen gemäß entschieden; ob der Einzelne aufbegehrt oder nicht ist allein eine Frage des Stils. Allzu oft beschwören die Rädchen in diesem Herrschaftssystem "Recht" und "Gerechtigkeit", ein untrügliches Zeichen dafür, dass es an beidem mangelt. Der Rat der Zehn beharrt unentwegt auf der Notwendigkeit einer Strafe, weil Sanktionen die Rechtsordnung zusammenhalten; das Gesetz ist brutal, gerade weil es blind ist.

Wer nun meint, der Regisseur Thaddeus Strassberger hätte sich über solche Fragen Gedanken gemacht, täuscht sich. Eine schiefe Bühne für die Privatgemächer des Dogen muss ausreichen als Hinweis auf das Beben im Epizentrum der (repräsentativen) Macht. Ansonsten stehen die Figuren herum und singen frontal, im Hintergrund Bilderschmuck, der an jene nachgespielten Szenen erinnert, mit denen Fernsehsender wie History Channel bei ihren Dokumentationen geschichtliche Authentizität vermitteln wollen: ein Kerkermeister führt bei Kerzenlicht fein säuberlich Buch, ein Opfer der Inquisition wird andeutungsweise gefoltert. So können wenigstens die Kostüme glänzen und sie erweisen sich, ausgestellt wie eine wertvolle Sammlung, als Glanzstück des Abends. Ausgehend von historischen Elementen wie dem Hennin zaubert die Phantasie der Kostümbildnerin Mattie Ullrich ins Phantastische überzogene Gewänder, die ein wenig an "Game of Thrones" erinnern. Schwer haben die Figuren an Ornat und Insignien zu tragen, wodurch das Thema von "I due Foscari" ironischerweise gerade in den Kostümen seine klarste Form findet.

Musikalisch trägt jede Hauptfigur ein eigenes Häubchen, wird bei jedem Auftritt eingeführt wie ein hoher Besuch vom Majordomus des Hauses, so dass man geneigt ist dem Orchester irgendwann zuzurufen: Es reicht, Truffaldino, die Damen, die Herrschaften, sind uns wohl bekannt. Ansonsten wird es manchmal grell und gelegentlich schrill, was der ungewöhnlichen Stimme von Davinia Rodriguez, in den tieferen Lagen verführerisch verhangen, in den höheren Tönen hingegen ein aus der Scheide gezogenes Schwert, nicht entgegenkommt.

Foto: Ilija Trojanow

Doch enden wir mit Domingo und der guten Laune. Vom ersten Ton aus dem Mund dieses würdevoll gealterten Herrn schlug eine solche Sympathie, ja Liebe, dem einstigen Tenor entgegen, dass alles andere nebensächlich zu werden schien. Und als er im Morgenmantel den Bettpfosten umklammernd die schönste Arie der Oper zum Wohlklang gab, war jeder im Saal Teil einer fast kultischen Verehrungsgemeinschaft. Der alte Doge Foscari hätte voller Neid auf eine solche Gefühlskrönung geschaut.

Highlight: Die Kostüme.

Coda: Das Geburtstagsständchen für den Altmeister Placido Domingo, allerdings erst als er sich sein herrschaftliches Rotgewand wieder übergeworfen hatte, nachdem er den ersten Applaus im Nachthemd eingesammelt hatte. Und das gesamte Publikum stimmte mit ein. (Ilija Trojanow, derStandard.at, 28.1.2014)

  • Trojanows Operama
Unser gegenwärtiges Opernleben ist reichhaltig, aber ist es auch relevant? Auf subjektiv eigenwillige Weise, in einem literarischen Ton, wird Ilija Trojanow die Bedeutung des Musiktheaters heute anhand von aktuellen Aufführungen in Wien und anderswo unter die Lupe nehmen. Und sich immer wieder die Frage stellen, ob und wie sich unsere Zeit in den Inszenierungen widerspiegelt. Hintergrundberichte, Porträts und Interviews runden das Operama ab.
"I due Foscari" von Giuseppe Verdi.Theater an der Wien, 23. Januar 2014
    bild: oliver schopf

    Trojanows Operama

    Unser gegenwärtiges Opernleben ist reichhaltig, aber ist es auch relevant? Auf subjektiv eigenwillige Weise, in einem literarischen Ton, wird Ilija Trojanow die Bedeutung des Musiktheaters heute anhand von aktuellen Aufführungen in Wien und anderswo unter die Lupe nehmen. Und sich immer wieder die Frage stellen, ob und wie sich unsere Zeit in den Inszenierungen widerspiegelt. Hintergrundberichte, Porträts und Interviews runden das Operama ab.

    "I due Foscari" von Giuseppe Verdi.
    Theater an der Wien,
    23. Januar 2014

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