"Und dann war alles weg - von heute auf morgen"

Porträt27. Jänner 2014, 13:49
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Einer jungen Favoritnerin gelingt kurz nach dem Anschluss an Hitler-Deutschland die Flucht - und ihre Enkelin findet Jahrzehnte später Verwandte wieder

Wien – Wien hat sie längst aus ihrem Herzen ausgeschlossen, auch wenn sie immer wieder nach Österreich reist. Der Freunde wegen, denn: "Von der Familie ist nichts geblieben – im wahrsten Sinne der Worte. Nicht einmal auf dem Friedhof." Trude Lang, 92 Jahre alt, hat mit viel Glück den Nazi-Terror überlebt. Mit 17 gelang ihr die Flucht.

Trude Lang ist auf der Favoritner Straße praktisch unterm Laaerberg aufgewachsen: "Favoriten hatte eine intakte jüdische Gemeinde. Ziemlich zionistisch. Da habe ich dazugehört", erinnert sie sich im Gespräch mit derStandard.at. Das Grätzel war ihren Eltern wichtig: "Gott behüte, ich hab einen Spezi gehabt, der nicht aus Favoriten war! Das war schon eine kleine Katastrophe." Die Situation ändert sich nach dem Anschluss dramatisch: "1938 war der Südtiroler Platz, der ist ja nicht gerade klein, innerhalb von drei bis vier Stunden voll mit Hakenkreuzen. Von rot zu braun." Da habe auch rasch der "Krach begonnen. Und dann war alles weg – von heute auf morgen". Das seien Erinnerungen, die sich, "je älter ich werde, auf die andere Seite fallend, wieder stark bemerkbar machen". 

Mit dem Zug auf der Flucht

Die Favoritnerin lernt in einer Gewerbeschule Schneiderei, in die Meisterklasse darf sie dann aber als Jüdin schon nicht mehr. Im Jahr 1938 beginnt für die damals 17-Jährige die Flucht nach Israel. "Wir sind mit dem Zug nach Triest gefahren und dann mit dem Schiff nach Israel weiter", erinnert sie sich. Das Mädchen landet in Tel Aviv in einer Haushaltsschule eines karitativen Vereins, der "Women’s International Zionist Organisation" (Wizo).

Ihr Vater schafft es noch rechtzeitig nach England, die Mutter soll folgen, doch das klappt nicht mehr. "Ihr ist es dann gelungen, die Großmutter nach Theresienstadt zu bringen. Das galt als positives Zeichen." Die Großmutter stirbt aber dort, die Mutter wird nach Auschwitz deportiert. Lang: "Nach der Kristallnacht hat sie geschrieben: 'Ich verstehe eine Sache nicht. Warum haben sie die Teeservice beim Fenster hinuntergeschmissen, warum hat sich nicht jeder ein Häferl genommen?' Sie haben alles kaputtgemacht."

Lang lernt in Israel ihren späteren Mann Hans kennen und kehrt mit ihm 1954 nach Österreich zurück. Glücklich wird die Familie hier nicht, 1960 ziehen sie wieder zurück nach Israel: "Ich wollte unter keinen Umständen in Wien bleiben." Ihr Mann habe "vergeblich versucht, Besitz zurückzubekommen". Heute erhält Trude Lang eine kleine Pension von Österreich, auch weil sie Jahre nachgekauft hat.

Verwandte entdeckt

Erst kürzlich hat eines ihrer Enkerl einen Koffer voll alter Briefe gefunden. Rund 140 Schreiben sind es. Sie selbst könne diese bis heute nicht lesen, sind es doch sehr persönliche Briefe ihrer Mutter. Es fanden sich aber auch welche von deren Bruder darunter. Die Enkelin hat via Facebook recherchiert – und tatsächlich noch Verwandte ausfindig gemacht.

Auf dem Grab ihres Vaters hat Trude Lang nach dem Krieg einen Zusatz anbringen lassen: den Namen ihrer Mutter und "perished in war", im Krieg ums Leben gekommen. (Peter Mayr, derStandard.at, 27.01.2014)

  • Trude Lang als Zehnjährige. Mit 17 gelingt ihr die Flucht vor den Nationalsozialisten.
    foto: privat

    Trude Lang als Zehnjährige. Mit 17 gelingt ihr die Flucht vor den Nationalsozialisten.

  • Trude Lang heute: "Ich wollte unter keinen Umständen in Wien bleiben."
    foto: andy urban

    Trude Lang heute: "Ich wollte unter keinen Umständen in Wien bleiben."

  • Erst kürzlich von der Enkelin entdeckt: Einen Koffer mit Briefen - auch von Langs Mutter, die ermordet wurde.
    foto: privat

    Erst kürzlich von der Enkelin entdeckt: Einen Koffer mit Briefen - auch von Langs Mutter, die ermordet wurde.

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