Durch die Unendlichkeit hindurch ins Filmparadies

27. Jänner 2014, 07:31
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Die famose Heinrich-von-Kleist-Filmtrilogie von Regisseur Hans Neuenfels wurde neu auf DVD aufgelegt

Wien - Drei Filme hat Theater- und Opernregisseur Hans Neuenfels über Heinrich von Kleist gedreht. Heinrich Penthesilea von Kleist (1983) bildet den Nachhall einer Berliner Theaterinszenierung. Die Familie oder Schroffenstein (1984) stellt Kleists erstes Trauerspiel in Symbolräumen nach. In Europa und der zweite Apfel (1988) verlässt Neuenfels den sicheren Boden des Dramas endgültig. Er übersetzt seine und Kleists Gedanken - diejenigen Über das Marionettentheater - in Bilder. Man ist versucht, diesem Filmessay die Krone zuzuerkennen.

Alle drei Filme sind Zeugnisse einer heute nicht mehr existierenden Kultur. Neuenfels, der gerade am Wiener Josefstadt-Theater Heiner Müllers Quartett inszeniert, zählt 72 Jahre. Seine Beschäftigung mit Kleist markiert aus jetziger Sicht einen Einschnitt. Leben und Werk des rätselhaften Preußen Kleist (1777-1811) bedeuten Unruhe. Kleists Weigerung, sich mit der von ihm vorgefundenen Wirklichkeit abzufinden, wird von Neuenfels als Akt der Notwehr aufgefasst. Von Kleist lernen heißt zu verstehen, dass Kompromisse unmöglich sind. Der Regisseur machte sich in den 80ern daran, Kleists Wirrnisse in die (damalige) Gegenwart zu übersetzen.

Kleist dichtete und dachte wie im Fieber. Die Annäherung zwischen den Geschlechtern deutete er als Kriegsgeschehen. Neuenfels' Penthesilea -Film drückt - in den Bildern einer Theaterprobe - die Unmöglichkeit aus, mit der Ausschließlichkeit der Gefühle Schritt zu halten. Und doch: Überforderung gibt es im Kosmos von Hans Neuenfels nicht. Sein Schroffenstein-Film ist die behutsame Nachstellung einer Kindergeschichte, die ihren eigenen Autor - Kleist selbst - zu unbändigem Gelächter gereizt haben soll.

Man könnte die liebevoll restaurierte, neu kommentierte Filmtrilogie ohne Schwierigkeiten belächeln. Mit detektivischem Ernst spürt Neuenfels Kleists sexueller Disposition nach. Auch hier: Zerrissenheit. Homophilie ist einer der "Skandale", die sich mit dem Rock des preußischen Soldaten nicht reimen wollen. Neuenfels kümmert sich mit rührender Anteilnahme um Kleists "Weiblichkeit". Er malt aber auch das Entsetzen in den Zügen der Krieger, die als griechische Helden gegen die Amazonen zu Felde ziehen und dazu die Trommel der Napoleonischen Kriege rühren.

Man könnte sagen, Hans Neuenfels scheut keine Sekunde lang die Lächerlichkeit und bleibt doch immer ernst. Dem nämlichen Problem hat sich auch Kleist gestellt. Neuenfels entlarvt die Abgebrühtheit der nach ihm Geborenen als Feigheit. Der Film Europa und der zweite Apfel zeigt Kleist (Ingo Hülsmann) in der Begleitung eines älteren Herrn und Lehrmeisters (Hans-Michael Rehberg), der seinem Freund die Gesetze der Anmut vor Augen führt.

Vertreibung und Zauber

Die Figuren in diesem Gedankentheater tragen die bestickten Jacken preußischer Denker und Staatsminister. Schauspieler wie Bernhard Minetti, Klaus Maria Brandauer (als Marionette) oder Mathieu Carrière rücken für Sekunden ins Bild. Die Geschichte von Europa und dem Stier geht in jene schicksalhafte andere über, die im Ersten Buch Moses steht und von der Vertreibung aus dem Paradies handelt. Für Augenblicke verschmelzen in den Filmen die Träger des Ausdrucks miteinander. Gesichter, Körper und Dekorum werden eins. Sie lassen im Zusammenwirken jene Verzauberung spüren, deren Zustandekommen Kleist nur durch unendliche Anstrengung gelten ließ.

Hans Neuenfels' bildgewaltige Angriffe gegen das moderne Popcorn-Kino sind in der Filmgalerie 451 neu aufgelegt worden. Die DVDs enthalten reiches Textmaterial sowie ein Interview, das Bildgestalter Benedict Neuenfels mit seinem Vater geführt hat. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 27.1.2014)

  • Kleists "Schroffenstein"-Trauerspiel, von Hans Neuenfels mit heiligem Ernst auf Film gebannt (Bild: René Hofschneider).
    foto: galerie 451

    Kleists "Schroffenstein"-Trauerspiel, von Hans Neuenfels mit heiligem Ernst auf Film gebannt (Bild: René Hofschneider).

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