Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

27. Jänner 2014, 07:23
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Johannes von Matuschka inszeniert "Othello" in den Linzer Kammerspielen höchst leidenschaftlich. Er deutet Shakespeares Drama abseits der Eifersucht und legt dabei verdrängte Rassismen offen

Linz - Deutlicher kann man seine Sache kaum zum Ausdruck bringen: Wer Schauspieler Zehn kleine Negerlein singen lässt und ein Gstanzl vom "Riesenneger im Nieselregen" auf die Bühne bringt, der will nicht spielen. Der beißt ohne lange Vorwarnung zu und fragt nicht nach politischen Unkorrektheiten.

Dabei beginnt Johannes von Matuschka harmlos: Othello (Markus Subramaniam) ist ein souveräner, integrierter Teil der venezianischen Gesellschaft, der "Mohr von Venedig" lebt unbehelligt von rassistischen Vorurteilen. Desdemona, seine venezianische Frau, liebt ihn, der Schwiegervater (Sebastian Hufschmidt) sieht in ihm einen eigenen Sohn. Othello albert während der Hochzeitsfeierlichkeiten herum mit seinen Soldatenfreunden: Man trinkt und lacht, hält den Freund selbstverständlich, wenn er wankt, und pinkelt gegen die Wand.

In diese scheinbar leichte und weinselige Nacht bricht die Nachricht, dass Othello sich aufmachen muss nach Zypern, um die Osmanen zurückzudrängen. Man zieht also in den Krieg: vier "GI-Joes", begleitet von getrommeltem Kriegsgeheul, Schlagwerker Kai Strobel erzeugt einen kraftvollen Klangteppich. Subramaniam schmiert erst seinen Soldaten und schließlich sich selbst Schuhcreme ins Gesicht. Schuhcreme, in der sich wenig später Rodrigo (Peter Pertusini) voll rasender Eifersucht wälzt, schließlich hat er Desdemona geliebt und liebt sie immer noch.

Gnadenloser Körpereinsatz

Die "Deformation des Menschen in Zeiten des Krieges" nimmt ihren Lauf, und das bedeutet für den "Fremden" selten Gutes. Verdrängte Rassismen, Stereotype und Bösartigkeiten gewinnen im wahrsten Sinn des Wortes an Körper. Von Matuschka steuert seine Schauspieler mittels gnadenlosen Körpereinsatzes in die Katastrophe. Ob sexuelle Anziehungskraft, Kämpfe, Intrige, Eifersucht - vieles wird schließlich über tänzerische Bewegungen ausgedrückt, von Matuschka kürzt damit nicht nur langwierige Szenen ab, sondern erzeugt durch diese tänzerischen Einschübe leichte, fast poetische Momente - noch dazu auf einer Drehbühne, die durchdacht und überlegt zum Einsatz kommt.

Wie willenlose Puppen steuert Aurel von Arx als Jago etwa Rodrigo, später den bewusstlosen Othello, von Arx ist ein großartiger, hochintelligenter, von Neid zerfressener Intrigant, der völlig frei von Empathie ein Netz auslegt, in dem sich die von ihm ungefragt zu "Mitspielern" Benannten schließlich einer nach dem anderen verfangen.

Othello scheitert am Ende an subsumierten Stereotypen, erfüllt ganz die Zuschreibungen des unkontrollierten, dunkelhäutigen Wilden, tötet Desdemona lieber, bevor er diese Zuschreibungen für sich und seine Frau neu definiert. Von Matuschka polarisiert, wenn auch manchmal gewollt, jedenfalls kratzt er (nach Antigone und Stella) erneut an Schmerzgrenzen. (Wiltrud Hackl, DER STANDARD, 27.1.2014) 

  • Allein gegen den Rest der bornierten Welt: Othello (Markus Subramaniam) mit Desdemona (Anna Eger).
    foto: patrick pfeiffer

    Allein gegen den Rest der bornierten Welt: Othello (Markus Subramaniam) mit Desdemona (Anna Eger).

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