"Es gibt Differenz zwischen Erinnerung und Geschichte"

27. Jänner 2014, 05:30
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Die Deutschen als Opfer: Zeithistoriker Norbert Frei warnt vor einer Konkurrenz des Erinnerns und erläutert, warum es keine "Normalisierung" der NS-Zeit geben könne

STANDARD:  Deutsche Fahnder versuchen gerade, eine größere Zahl bisher unbelangter mutmaßlicher NS-Täter ausfindig zu machen. Ist das noch sinnvoll?

Frei: Mord verjährt in Deutschland nicht. Wenn eine Staatsanwaltschaft entsprechende Hinweise erhält, hat sie gar keine andere Wahl, als zu ermitteln. Und 2011 im Münchener Verfahren gegen John Demjanjuk, der unter anderem im Vernichtungslager Sobibor als Wachmann tätig gewesen war, zeigte sich, dass die Justiz nach Jahrzehnten ihre Auffassung von der Täterschaft im Holocaust geändert hatte: Derjenige, der geholfen hat, die Mordmaschine eines Vernichtungslagers am Laufen zu halten, soll wegen Beihilfe zum Mord angeklagt werden. Daher geraten jetzt, zu später Stunde, auch die Wachmannschaften in den Blick, die man lange ausgeklammert hat. Jetzt gibt es keinen juristischen Spielraum mehr.

STANDARD:  Aber es droht immer die Gefahr des Beweisverlusts.

Frei: Die Versäumnisse der Justiz seit den 1950er-Jahren kann man nicht mehr rückgängig machen - schon deshalb, weil die meisten Täter längst gestorben sind.

STANDARD: Auch die Generation der Zeitzeugen, die den Terror des NS-Regimes und Krieg erlebt haben, stirbt aus. Trotzdem ist die Erinnerung an diese Zeit gegenwärtiger denn je. Wie verändert sich dadurch die Zeitgeschichte als Wissenschaft?

Frei: Die Zeitgeschichte verliert in Bezug auf den Nationalsozialismus eine Dimension, die sie von der übrigen Geschichte unterscheidet. Wir greifen ja ansonsten auf die gleichen Quellen zu wie alle anderen Historiker auch: auf staatliche und nichtstaatliche Akten, auf Medienberichte und auf persönliche Dokumente. Hinzu kommt für die Zeitgeschichte aber das "Vetorecht der Zeitzeugen" - also die Möglichkeit der Zeitgenossen, unmittelbar auf die Darstellungen der Historiker zu reagieren. Das geht nun absehbar zu Ende. Methodisch gesehen fällt der Nationalsozialismus damit aus der Zeitgeschichte heraus.

STANDARD:  Was bleibt, ist also nicht mehr als eine historische Periode?

Frei: Vom Methodischen her gesehen ja. Trotzdem bleibt die Zeit des Nationalsozialismus durch ein singuläres Menschheitsverbrechen gekennzeichnet, das in der zweiten und dritten Generation nachwirkt. Insofern gibt es hier keine "Normalisierung".

STANDARD:  Nimmt das Interesse an dieser Zeit eher ab oder gibt es, im Gegenteil, eine Überbetonung?

Frei: Ich glaube nicht, dass es eine Überbetonung gibt. Ich habe kürzlich mit meinen Studierenden darüber gesprochen, als wir einen Text über die 1980er-Jahre angesehen haben. Darin beschweren sich junge Leute darüber, dass sie über die NS-Zeit so viel im Schulunterricht erfahren wie über sonst keine andere Periode. Das ist also offensichtlich eine stehende Schülerrede seit vielen Jahren. Nur liegt dem nicht selten eine Verwechslung zugrunde: zwischen Meinungen über diese Zeit und faktischem Wissen darüber.

STANDARD:  Ist das Wissen über diese Zeit gar nicht so groß?

Frei: Die Vorstellungen von den konkreten Lebensumständen und den Praktiken der Verfolgung sind bei den jungen Leuten jedenfalls weniger klar als das moralische Urteil über die Zeit. Jeder weiß, dass der Nationalsozialismus abzulehnen ist. Solche Meinungen sind schnell artikuliert - aber das sagt noch wenig darüber, was jemand über das politische System und die Frage nach den Handlungsmöglichkeiten des Einzelnen weiß - etwa, wenn es darum ging, Verfolgten zu helfen. An solchen Punkten ist das faktische Wissen oft nicht besonders groß.

STANDARD:  Versagt die Schule?

Frei: Das ist mir zu pauschal. Es gibt sehr gute Pädagogen, die genau an diesem Punkt ansetzen. Es geht auch nicht nur um die Schule. Es geht darum, dieses Thema in den Medien, in Gedenkstätten, Ausstellungen und im Gespräch zwischen den Generationen richtig anzupacken. Dort, wo es gelingt, die Bezüge auf unsere gegenwärtige Alltagswelt immer wieder neu herzustellen, da schafft man es, die jungen Leute zu interessieren. Auch jenseits der bald nicht mehr möglichen - oft effektiven, aber auch etwas bequemen - Methode, sogenannte Zeitzeugen in die Schulen einzuladen.

STANDARD:  Warum bequem?

Frei: Es ist pädagogisch recht einfach. Als Lehrer muss ich mir nicht die Mühe machen, die politisch-moralische Nähe zu dem Thema selbst herzustellen. Kommt ein Zeitzeuge in die Klasse, gelingt das meist automatisch.

STANDARD:  Sie haben einmal gesagt, dass sich das Interesse sehr viel stärker auf die Deutschen als Opfer verlagert. Warum ist das so?

Frei: Die meisten Menschen, die heute noch persönliche Erinnerungen an die NS-Zeit haben können, sind damals Kinder oder Jugendliche gewesen. In diesen frühen Jahren haben sie den Krieg und vielleicht auch die Vertreibung natürlich als Unschuldige erlebt, und das ist ihre persönliche Perspektive. Die greift aber natürlich zu kurz, wenn es um die "Volksgemeinschaft" der Dreißiger- und Vierzigerjahre geht - die sich dann übrigens in den Fünfzigerjahren als die eigentlichen Opfer des "Dritten Reiches" sehen wollte, und zwar in allen drei Nachfolgestaaten des Dritten Reiches.

STANDARD: Besteht dadurch nicht die Gefahr der Relativierung?

Frei: Genau deshalb muss man sich klarmachen, dass sich aus der Perspektive der damaligen Kinder, die sich heute erinnern, kein angemessenes Gesamtbild von der NS-Zeit ergibt. Aber diese Erinnerungen treten in der öffentlichen Diskussion durchaus in Konkurrenz zur Erinnerung der Überlebenden des Holocaust und der nationalsozialistischen Verfolgung. Umso wichtiger ist es, die Differenz zwischen Erinnerung und Geschichte immer wieder zu verdeutlichen. Man darf nicht glauben, dass mit dem Imperativ "Wir müssen uns erinnern!" schon alles getan ist. (DER STANDARD, 27.1.2014)

Norbert Frei (58) ist deutscher Zeithistoriker und lehrt an der Universität in Jena.

Anlässlich des Holocaust-Gedenktages spricht Frei am Montag, 27.1.2014 über "Terror und Traum: Die nationalsozialistische Volksgemeinschaft". Aula, Campus Altes AKH, 10 bis 12 Uhr.

  • "Trotzdem bleibt die Zeit des Nationalsozialismus durch ein singuläres Menschheitsverbrechen gekennzeichnet, das in der zweiten und dritten Generation nachwirkt. Insofern gibt es hier keine 'Normalisierung'."
    foto: imago stock&people

    "Trotzdem bleibt die Zeit des Nationalsozialismus durch ein singuläres Menschheitsverbrechen gekennzeichnet, das in der zweiten und dritten Generation nachwirkt. Insofern gibt es hier keine 'Normalisierung'."

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