Proteste gegen Akademikerball - zwischen Gesang und Gewalt

Leserkommentar26. Jänner 2014, 14:06
303 Postings

Der Fotograf schildert in einem Gedächtnisprotokoll, wie er Freitagabend eingekesselt wurde und zwischen Polizei und Autonome geriet

Meine ersten Demonstrationen fotografierte ich vor drei Jahren, einige folgten, es hätte also keiner Warnungen bedurft, die Risiken waren mir bewusst. Doch selten liegen die Nerven so blank und gehen die Wogen in Österreich so hoch wie hier. Ich war auf alles eingestellt, mit acht Jahren war ich das erste Mal mit meinen Eltern auf den Donnerstagsdemonstrationen. Ausreichend habe ich hier die andere Seite erlebt, um zu wissen, was passieren kann, und auch, dass es an diesem Abend nicht reicht, nur in Schwarz und Weiß zu kategorisieren.

Es ist Freitag, der 24. Jänner 2014, 16 Uhr, ich komme vor der Universität Wien an. Heute Abend findet der durch die FPÖ veranstaltete Wiener Akademikerball statt, 400 Menschen mit rechter oder rechtsextremer politischer Einstellung, Burschenschafter und hochrangige Politiker und Politikerinnen verschiedener Länder tanzen und vernetzen sich in der Hofburg.

Noch ist nicht viel los, die ersten der letztlich 40 Organisationen, aus denen die "Offensive gegen Rechts" besteht, bereiten sich auf die Demonstration vor. Die Polizei hat mit ihrem etwa eine Million Euro teuren Großeinsatz bereits Stunden vorher begonnen, sie steht bereits mit unzähligen Zügen vor Ort.

Die ersten Pressevertreter treffen ein, Interviews werden gegeben, und die Menge wächst bis zu der Startkundgebung um 17 Uhr beachtlich an. Als sich die Demonstration in Bewegung setzt, höre ich von bisher bereits 3000 bis 5000 Menschen. Um 19 Uhr am Stephansplatz sollen es zusammen mit den Beteiligten des zweiten Zugs, der "NoWKR-Demo", rund 8000 gewesen sein.

Ärger über Sperrzone

Ich rede an diesem Abend mit vielen Menschen, sie sind enttäuscht, wütend über die Umstände in diesem Land - Schuldzuweisungen, bevor etwas passiert ist, das lässt sich nicht so leicht verdauen. Sie sind verärgert über eine Sperrzone, die im Vergleich mit jener beim Besuch des US-Präsidenten George W. Bush unverhältnismäßig groß ist. Sie sind verärgert, weil sie das Gefühl haben, pauschal kriminalisiert zu werden: wiederholte Anfeindungen seitens der FPÖ und in den Augen vieler eine einseitige Berichterstattung. Auch KZ-Überlebende sind unter den Demonstranten, wie Rudolf Gelbard, der den Ärger teilt.

Ich höre von Randalen auf dem Stephansplatz durch den "Schwarzen Block", eine Gruppe von Menschen, die friedliche Demonstrationen nach eigenem Konzept auslegt, die chaotisch, aber bestens organisiert ist und der das Anliegen der Demo oft zweitrangig ist. Wir zählen zu den Ersten, die über Umwege in die Löwelstraße, Ecke Bankstraße kommen. Die Demonstrantinnen und Demonstranten und das Polizeiaufgebot sind überschaubar. Ein erstes Privatauto versucht zu passieren, eine Handvoll Demonstrierender stellt sich dazwischen, was aber schnell und einigermaßen rabiat von Uniformierten verhindert wird.

Nachdem wir die Blockade an dieser Stelle für gescheitert halten, wollen wir uns in Richtung Ring bewegen. Plötzlich hören wir weit entfernt einen Knall, wir orten ihn aus Richtung Innenstadt und entscheiden uns doch zu bleiben. Auch die Demonstrierenden, größtenteils bestehend aus Mitgliedern der Offensive gegen Rechts und nur vereinzelt aus denen des NoWKR-Zugs, haben bald aufgeschlossen.

Es folgt das zweite und letzte Auto, welches über diesen Weg versucht, den Ball zu erreichen. Demonstrierende beginnen sich um das Fahrzeug zu versammeln. Sie sprechen die vier Insassen den Umständen entsprechend noch relativ ruhig an, die Antwort sorgt aber für Ärger. Es wird zur Blockade aufgerufen, das Motto, wie bereits im spanischen Bürgerkrieg: "No pasáran! - Sie kommen nicht durch!"

Zehn Minuten vergehen, wir begeben uns auf eine Erhöhung, die Zahl des Polizeiaufgebots und der Demonstrierenden wächst schnell an, für eine Viertelstunde herrscht die Ruhe vor dem Sturm, beinahe werde ich von der Polizei von meiner Erhöhung gefischt, da ich mich zu nah an die Sperrzone begeben habe.

Im Kessel

Um 19:30 Uhr ist der Kessel zu drei Seiten durch eine Armada an Polizistinnen und Polizisten verschlossen, die Exekutive wirkt nervös, die Demonstrierenden und auch die Insassen des Autos verhalten sich ruhig. Auf einmal hören wir, wie sich zahlreiche Sirenen von der letzten offenen Seite nähern. Ein guter Teil der Demonstrierenden versucht den Kessel noch zu verlassen, bevor er geschlossen wird, manche rennen aber gezielt auf die Polizei zu. Es kommt, so erleben wir und lesen wir auch später, zu überschaubaren Angriffen durch die Akademikerball-Gegenbewegung, aber zahlreichen Festnahmen und polizeilichen Übergriffen.

Kaum ist der Kessel zu, öffnen sich die Tretgitter, und beinahe hundert Uniformierte, mit Schutzschildern und Pfefferspray ausgestattet, stürmen auf die Sitzgruppe zu; auch ich eile von meinem Posten hinunter und begebe mich ins Geschehen, vorbei an sitzenden Protestierenden. Nun werden brutal Demonstrantinnen und Demonstranten von dem Fahrzeug weggedrängt, einige Menschen niedergedrückt und festgenommen, ich höre Schmerzensschreie, die Polizei geht ohne Rücksicht vor, auch Pressevertreter werden von ihnen gestoßen, bis das Auto aus der Menge geschoben ist.

Anfeindungen

Das Fahrzeug ist weg, und damit auch der "erklärte Feind", die Menge wird wieder entspannt, gegen die gerade erlebte Gewalt wird gesungen und getanzt, doch unvermittelt beginnen etwa ein dutzend Menschen unter hunderten Demonstrantinnen und Demonstranten die Polizei aktiv anzufeinden. Ein Mann erhebt gegen die Polizei die Fäuste wie beim Boxkampf, folgend springt ein anderer mit Stiefel voran auf die Polizeikette zu. Ich bin zwischen die Polizei und eine kleine Gruppe Autonomer geraten. Sie beginnt mit Bierdosen und Stöcken zu werfen, die Polizei kontert mit Pfefferpray, ich schütze mich kurzzeitig durch meine Kapuze und bin erleichtert, nichts abbekommen zu haben.

Doch die Freude hält nicht lange an. Die Angriffe gegen die Polizei nehmen ab, plötzlich liegt das Interesse auf mir. Ich werde in greifbarer Nähe der Polizeiabsperrung von sieben bis zehn Menschen umzingelt, man beginnt mich zu schubsen. Man glaubt, ich bin ein Fotograf der Veranstalter oder der Polizei. Ich reagiere ruhig und möchte mich als Pressefotograf erkenntlich geben, die Menge hat aber bereits begonnen, an mir zu zerren, die Kamera möchten sie haben oder wenigstens die Speicherkarte. Ich lasse nicht von ihr ab, versuche zurückzuweichen, nicht gezielt, aber doch näher zur Polizei, rufe um Hilfe, stehe in Greifweite. Ich werde wieder in die Menge gezogen, gebe meinen Presseausweis her, man versichert mir, ich bekomme ihn zurück.

Am Auge verletzt

Die Kamera ist mit der Schlaufe mehrfach um meinen Arm gewickelt, und es gelingt ihnen nicht, sie mir zu entreißen. Zwei oder drei beginnen auf mich einzuschlagen, wissen selbst nicht genau, was sie tun, halten sich gegenseitig zurück und müssen sich nun vermehrt auch gegen eine große Zahl Demonstrierender wehren, die versuchen mich zu befreien. Ein Schuh trifft mich mit ordentlicher Wucht am linken Auge, ich versuche mich ein letztes Mal loszureißen, dann lasse ich mich in der Menge treiben, ich bleibe erstaunlich ruhig und versuche zu beschwichtigen, biete an, die Fotos zu zeigen.

Es wird von mir abgelassen, ich bin nach wie vor eingekesselt und werde hochgezogen. Ich zeige ein paar Fotos, niemand aus der Gruppe ist eindeutig zu erkennen, nehme die Kamera wieder an meinen Bauch, die Stimmung bleibt aber angespannt, und ich höre plötzlich, wie jemand sagt, er habe meine Speicherkarte, sie sollen mich in Ruhe lassen. Er kommt zu mir, hakt sich bei mir ein und zerrt mich aus der Menge.

Abseits spricht er kurz mit mir, gibt mir Wasser und ein Taschentuch, um mein blutendes Auge zu reinigen. Ich werde gut behandelt, aber ausgefragt, er entschuldigt sich für das Benehmen der Gruppe. Meine Wut hält sich in Grenzen, meine Ausrüstung ist heil, und irgendwie kann ich die Gruppe, wenngleich nur zu einem winzigen Prozentsatz, auch verstehen. An diesem Abend fühlen sich viele Menschen so, als würde ihnen auf der Nase herumgetanzt, rechte Politik ist ein sehr ernstes Thema, die Emotionen können hier schnell überkochen - und Deeskalation durch die Polizei, die sieht in meinen Augen anders aus.

Warten auf Rettungswagen

Versuche, den durch seine Agressionsbereitschaft klar erkennbaren Block von den restlichen Demonstrierenden zu trennen, wurden nicht unternommen. Mich beschleicht ein unangenehmes Gefühl, dass hier mit Kalkül vorgegangen wird. Ich begebe mich direkt zum nächsten Polizeiauto, frage nach einem Arzt. Erst ist man ratlos, was man mit mir tun soll und ob man mich überhaupt durch die Kesselwand lassen soll, bis ich mich als Pressefotograf ausweise. Es heißt, die Rettung käme angeblich nicht durch, obgleich der Ring momentan noch komplett frei erscheint, und ich werde zum Warten vor das Café Landtmann vertröstet um dort auf einen Rettungswagen zu warten. Das tue ich auch und warte trotz mehrfacher Nachfrage 30 Minuten lang vergeblich. Polizisten sitzen um mich herum,  in unzähligen Autos wartend, ich frage nach dem versprochenen Krankenwagen, niemand möchte mir helfen, ich solle doch selbst mit dem Notruf telefonieren.

Ich mache mich wieder auf den Weg, die Blutung hat vorerst aufgehört, ich möchte eigentlich heimgehen, doch dann komme ich vor das Parlament, die Polizei hat auch hier bereits großräumig abgesperrt, doch die Kette ist lückenhaft, die Konzentration scheint langsam nachzulassen, man wirkt überfordert, ermüdet.

Angespannte Situation

Ich mache mich auf den Weg zur U-Bahn, doch komme dann doch nicht umhin, weiter zu fotografieren, diesmal werde ich des Öfteren von Polizistinnen und Polizisten angerempelt, die Nerven sind zum zerreißen gespannt, Farbbeutel fliegen, auch Knaller.

Ich bewege mich lieber Richtung Heldenplatz und dann vor den Burggarten, hier ist alles friedlich, es wird getrommelt und getanzt, eine Rettung ist nach wie vor weit und breit nicht zu sehen. Erst als ich mich auf den Rückweg mache, sehe ich einen Wagen der Malteser. Ich werde verarztet, und nach einiger Zeit bringt man mich ins Unfallkrankenhaus.

Conclusio

Die Handlungen Einzelner werden an diesem Abend allzu gerne verwendet, um für die eine oder andere Seite zu argumentieren. Wir sollten aber nicht eine Gruppe von Tausenden in den Schmutz ziehen, weder auf der Seite der Polizei noch auf derjenigen der Protestierenden, weil ein paar Menschen das Grundrecht der Demonstration und die Aufgaben der Polizei falsch interpretieren.

Und wir sollten beginnen zu überlegen, ob ein Ball, den neben vielen anderen auch die Erste Nationalratspräsidentin Barbara Prammer erst kürzlich verurteilte, wobei sie sich für eine Absage aussprach, und den die Unesco aus der Liste des immateriellen Kulturerbes des Staates Österreich strich, da er nicht der Toleranz und dem Respekt vor anderen Kulturen entspreche, wirklich in einem der repräsentativsten Gebäuden der Zweiten Republik stattfinden muss - insbesondere wenn sich mittlerweile trotz eisiger Kälte über zwanzig Mal mehr Demonstrierende als Ballgäste versammeln. (Julian Pöschl, derStandard.at, 26.1.2014)

Julian Pöschl, geboren in Wien, arbeitet als freischaffender Filmemacher und Fotograf. Mit 21 hat er bereits drei größere Filmprojekte durchgeführt. Derzeit arbeitet er an der fünfteiligen Fernsehserie "Cornelia".
  • Artikelbild
    foto: julian pöschl
  • Artikelbild
    foto: julian pöschl
  • Kaum ist der Kessel zu, öffnen sich die Tretgitter. Einige Menschen werden niedergedrückt und festgenommen, man hört Schmerzensschreie.
    foto: julian pöschl

    Kaum ist der Kessel zu, öffnen sich die Tretgitter. Einige Menschen werden niedergedrückt und festgenommen, man hört Schmerzensschreie.

Share if you care.