"Die Welt" veröffentlicht private Briefe von Nazi-Führer Himmler

26. Jänner 2014, 13:02
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Sammlung von Privatdokumenten enthält auch bisher unbekannte Fotografien - ORF strahlt Dokumentation aus

Berlin/Tel Aviv - Die deutsche Zeitung "Die Welt" veröffentlicht Hunderte private Briefe, die Heinrich Himmler zugeschrieben werden. Die Dokumente hätten sich in Israel über einen sehr langen Zeitraum in einem Privathaushalt befunden und seien heute im Besitz eines Privatarchivs. Die Dokumente seien nach einem Gutachten des deutschen Bundesarchivs echt.

Auf das neue Material zu Himmlers Privatleben stützt sich auch der Dokumentarfilm "Der Anständige" der israelischen Regisseurin Vanessa Lapa, deren Vater das Privatarchiv mit den Dokumenten gehört. Der Film, dessen Produktion die "Welt" finanziell unterstützt hat, wird am 9. Februar auf der Berlinale uraufgeführt. Im ORF wird die Dokumentation als erstem TV-Sender in der zweiten Februarhälfte gezeigt. Die 90-minütige Dokumentation mit dem Arbeitstitel "Der Anständige" wurde vom ORF mit dem israelischen TV-Sender yes koproduziert. Ein Buch wird bei Piper und bei Plonge in Frankreich publiziert. 

Lapa, die im belgischen Antwerpen geboren wurde und aufwuchs, hat den Nachlass in fünfjähriger Arbeit gesichtet. Darunter befinden sich 276 Briefe von Heinrich Himmler an seine Frau Marga Himmler (geborene Boden) aus den Jahren 1927 bis 1945, 135 vornehmlich private Fotografien, das persönliche Tagebuch und Poesiealbum der Himmler-Tochter Gudrun (geboren 1929), die Tagebücher von Marga und Heinrich Himmler sowie weitere persönliche Dokumente der Familie.

Das Drehbuch der Dokumentation schrieb Lapa mit dem israelischen Autor Ori Weisbrod. Es beruht ausschließlich auf originären Äußerungen, die zu Himmlers Lebzeiten (1900 bis 1945) entstanden. Gedreht wurde die Produktion auf Deutsch. Tobias Moretti (für Heinrich Himmler) und Sophie Rois (für Marga Himmler) fungieren als Synchronsprecher.

Einer der mächtigsten Nazi-Führer

Heinrich Himmler war einer der mächtigsten Nazi-Führer und gehörte als Organisator des Holocaust und Chef von Waffen-SS, Gestapo und Polizei dem engsten Kreis um Adolf Hitler an. "Jetzt sind Dokumente Himmlers aufgetaucht, die jahrzehntelang verschollen waren und die die Öffentlichkeit noch nie gesehen hat: Hunderte private Briefe, Notizen und Fotos aus dem Privatbesitz des Mannes, der die entscheidende Rolle bei der Massenvernichtung von Juden spielte", schreibt die "Welt".

Die Unterlagen befanden sich laut dem Bericht über einen sehr langen Zeitraum im Privathaushalt eines israelischen Juden und gelangten schließlich in den Besitz eines Privatarchivs in Tel Aviv. Dort liegen sie heute im Tresor einer Bank. Zu dem Bestand gehörten neben den Briefen, die Himmler von 1927 bis fünf Wochen vor seinem Selbstmord 1945 seiner Frau Marga schrieb, zahlreiche bisher unbekannte Fotografien, auch der Nachlass von Himmlers Pflegesohn und weitere Dokumente.

Echtheit bestätigt

Der Präsident des deutschen Bundesarchivs, Michael Hollmann, habe der "Welt" bestätigt: "Wir sind uns sicher, was diese Dokumente angeht." Im Gutachten der weltweit wichtigsten Institution, die sich mit der schriftlichen Hinterlassenschaft des "Dritten Reiches" beschäftigt, heißt es: "Es besteht kein Anlass, an der Echtheit der Unterlagen in Tel Aviv zu zweifeln."

Die Herkunft des Materials konnte laut dem Blatt "schlüssig nachvollzogen werden". Die Handschrift der oft mit "Dein Heini" oder "Euer Pappi" unterzeichneten Briefe stimmt mit anderen Schriftstücken Himmlers überein. Seine Briefe ergänzen zudem exakt die Briefe seiner Frau, die schon seit vielen Jahren im Bundesarchiv aufbewahrt werden.

Der Berliner Historiker und NS-Experte Michael Wildt beschreibt den Fund als "ein dichtes Korpus an privaten Dokumenten, wie es das von keinem anderen Angehörigen der NS-Führung gibt". Von Adolf Hitler und seinem offiziellen Stellvertreter Hermann Göring sind praktisch gar keine persönlichen Unterlagen erhalten. Propagandaminister Joseph Goebbels, neben diesen beiden und Himmler der vierte führende Nationalsozialist, hinterließ zwar einen gewaltigen Bestand an handschriftlichen Tagebüchern und täglichen Diktaten. Doch handelt es sich dabei fast ausnahmslos nicht um private Aufzeichnungen, sondern um politische Äußerungen, die Rohstoff für künftige Propaganda und außerdem für die Nachwelt gedacht waren.

Eine Laufbahn

Himmler, im Oktober 1900 als mittlerer Sohn eines bayerischen Gymnasiallehrers geboren, kam gegen seinen Willen im Ersten Weltkrieg nicht mehr zum Fronteinsatz und kompensierte diese "vertane Chance" mit umso radikalerem Engagement für völkische Kreise in Bayern: Als Mitglied Nr. 42.404 trat er der NSDAP bei. Während des Hitler-Putsches im November 1923 stand Himmler - wie ein überliefertes Foto zeigt - an einer Straßensperre vor dem bayerischen Kriegsministerium in München Wache. Nach dem Scheitern des Umsturzversuches begann der diplomierte Landwirt als rechtsradikaler Redner zu agitieren. Nach Wiederzulassung der NSDAP und ihrer Untergliederungen Anfang 1925 wurde er Mitglied der SA, bald wechselte er zur noch kleinen SS - als 168. Mitglied.

Als hauptamtlicher Parteifunktionär mit schmalem Gehalt lernte Himmler die geschiedene Krankenschwester Margarete Siegroth, geborene Boden kennen, die in Berlin eine kleine Pflegeanstalt betrieb. Aufgrund seiner Briefe könne jetzt zum ersten Mal nachvollzogen werden, wie sich die Beziehung der beiden bis zur Hochzeit am 3. Juli 1928 entwickelte, schrieb "Die Welt". Auch zum Aufstieg Himmlers als NSDAP-Redner und -Funktionär zum stellvertretenden Chef der SS ab 1927 und "Reichsführer SS" ab 1929 enthalten die Briefe viele bisher unbekannte Details.

Das Ende

Auch als das "Dritte Reich" unübersehbar einer katastrophalen Niederlage im Zweiten Weltkrieg entgegentaumelte, hielt Himmler am Versprechen eines "Endsiegs" gegen die vielfach überlegenen Gegner fest. Sogar noch zu der Zeit, als er bereits vertrauliche Kontakte mit den westlichen Alliierten zu knüpfen versuchte, um sein Überleben zu sichern.

Dazu kam es jedoch nicht: Kurz vor der Kapitulation tauchte Himmler unter falschem Namen unter und geriet am 20. Mai 1945 als vermeintlich normaler Soldat in Kriegsgefangenschaft. Er offenbarte sich und beging drei Tage später mit einer Giftkapsel Selbstmord, als er genau nach einer solchen durchsucht werden sollte. Zu dieser Zeit hatten US-Soldaten, die das Privathaus der Familie Himmler in Gmund am Tegernsee besetzt hielten, schon den dortigen Tresor geöffnet und die Privatpapiere an sich gebracht. Der größere Teil davon wird erst jetzt, fast sieben Jahrzehnte später, der Öffentlichkeit zugänglich.  (APA/red, derStandard.at, 26. 1. 2014)

  • Von Heinrich Himmler ist Post aufgetaucht.
    foto: ap

    Von Heinrich Himmler ist Post aufgetaucht.

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