Befreiungsgeschichte mit Happy End

24. Jänner 2014, 18:35
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Arik Brauer hat die "Haggada", die biblische Geschichte über den Auszug der Juden aus Ägypten, illustriert - Im Jüdischen Museum Wien ist Brauers 24 Blätter umfassender Zyklus bis Ende Mai ausgestellt

Wien - Vom Tod zum Leben, von der Sklaverei in die Freiheit: Diese Befreiungsgeschichte feiern Juden am Seder-Abend, dem Vorabend zum einwöchigen Pessachfest, nach einer genauen äußeren und spirituellen Ordnung (Seder), mit symbolischen Speisen und mit dem Ruf "Nächstes Jahr in Jerusalem". Die Haggada schel Pessach, die Pessach-Geschichte, erzählt vom Auszug der Israeliten aus Ägypten; vom Roten Meer, das sich den Fliehenden öffnete; von der Wüstenwanderung in das Gelobte Land. Tausende Haggadot, Handbücher fürs religiöse Fest, gibt es schon. Fasziniert von der "Gewalt der hebräischen Sprache, von der Poesie der Schilderungen und Vergleiche, vom plastischen Realismus in der Balance zwischen Historie und Erfindung" hat auch Arik Brauer das vielleicht wichtigste Buch des Judentums schon einmal, 1979, illustriert. Nun hat er eine neue, aus 24 Bildern bestehende Haggada geschaffen. Die kommentierenden Anmerkungen und Debatten zu den biblischen Texten stammen von Wiens Oberrabiner Paul Chaim Eisenberg, dem israelischen Schriftsteller Joshua Sobol und Erwin Javor. Der Unternehmer und Herausgeber von Brauers auf deutsch und hebräisch erscheindender Haggada (mit einer Brauer-CD mit Pessaschliedern) hat die Illustrationen dem Jüdischen Museum Wien als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt.

Es sind Geschichten von Plagen und Seuchen, Hoffnung und Gottvertrauen, die Brauer auf Karton gemalt hat, gütige (Groß-)Väter unter Sternenhimmeln, weise Rabbiner, furchterregende Götzen, unter gleißender Sonne und der Last der Knechtschaft gebückte Sklaven, aus ungesäuertem Teig brotbackende Frauen, durch das geteilte Meer sich rettende Menschen. Die Haggada, schreibt Javor, vereine als genaue Gebrauchsanweisung die Juden in ihrer Verschiedenheit über alle Länder und Zeiten hinweg: "Eine gute Geschichte mit Happy End - was für Juden keine Selbstverständlichkeit ist."

Natürlich sei seine Kunst literarisch, sagte Arik Brauer einmal in einem Gespräch mit dem Standard: "Aber wenn jemand sagt, das ist Illustration, dann bin ich auch nicht traurig. Ich male stets die ganze, also die sichtbare und die unsichtbare Welt. Es sind ja Milliarden von Lebewesen hier im Raum, die wir alle nicht sehen. Dieses Wissen ist heute längst allgemein bekannt. Ich sehe die Welt nicht mehr anders, es entzüdet sich meine Fantasie erst, wenn alles da ist."

Er sei nicht religiös, wohl aber Mitglied der Israelitischen Kultusmgemeinde "aus Tradition und Konvention, und weil sie über den religösen Aspekt hinaus eine Bedeutung hat als Vereinigung einer Minderheit", so Brauer: "Aber Juden sind auch als Atheisten in gewissem Sinne religiös. Und als Agnostiker habe ich mich längst damit abgefunden, dass ich nicht herausfinden werde, woher ich komme und wohin ich gehe."

Detailversessene Bilderwelt

Geboren im frostigkalten Jänner 1929 in Wien-Ottakring als Sohn eines aus Litauen zugewanderten jüdischen Schuhmachers, malte der kleine Erich seine ersten Porträts im zarten Alter von sieben, acht Jahren. Bei manchen Besuchern sei gar das Wort Wunderkind gefallen: "Das habe ich mir natürlich sofort gemerkt. Ich hatte selber von Anfang an das Gefühl, dass ich das gut kann."

Seit den 1950ern ist Brauers detailversessene, märchenhafte Bilderwelt unter der von ihm und seinen Kollegen Wolfgang Hutter, Ernst Fuchs, Rudolf Hausner und Anton Lehmden gegründeten Trademark Wiener Schule des Phantastischen Realismus international bekannt. "In Österreich wollte man nach dem Krieg weg vom Image des Zurückgewandtseins. Wir Phantastischen Realisten aber bezogen uns auf die Renaissance, auf Busch, auf den Jugendstil. Aber wenn man davon ausgeht, dass es Angehörige der europäischen Kulturelite sind, die sich für meine Bilder interessieren, dann kann ich es auch ertragen, dass ich nicht im Centre Pompidou hänge." (Andrea Schurian, DER STANDARD, 25.1.2014)

  • Arik Brauers "Haggada" ist Erzählung und Handlungsanleitung gleichermaßen: Rabbi Hillel umwickelte ungesäuertes Brot mit bitteren Kräutern und aß beides zusammen, um zu erfüllen, was geschrieben steht.
    foto: arik brauer. jüdisches museum wien. haggada.

    Arik Brauers "Haggada" ist Erzählung und Handlungsanleitung gleichermaßen: Rabbi Hillel umwickelte ungesäuertes Brot mit bitteren Kräutern und aß beides zusammen, um zu erfüllen, was geschrieben steht.

  • Arik Brauer.
    foto: heribert corn

    Arik Brauer.

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