Schattenspiele mit dem Tod

24. Jänner 2014, 17:21
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Glucks "Orfeo ed Euridice" gerät bei der Salzburger Mozartwoche musikalisch bewegend, szenisch jedoch eher statisch

Salzburg - Abends um sieben liegt der Alte Markt vor dem Café Tomaselli schon in winterlichem Dornröschenschlaf, einzelne Passanten tröpfeln über das schwarze Pflaster. Ein Platzregen des Interesses geht jedoch über dem Haus für Mozart nieder: Die Stiftung Mozarteum feiert die Eröffnung der Mozartwoche 2014. Eine normalkalendarische Woche dauert sieben Tage, eine Mozartwoche jedoch deren elf - und an diesen werden an der Salzach 33 Veranstaltungen zu erleben sein.

Dies berichtet vorab das Führungsduo des Festivals, Marc Minkowski und Matthias Schulz; es wird dem verstorbenen Claudio Abbado gedacht, und los geht's mit Glucks schlankem, 1762 in Wien uraufgeführtem Neunzigminüter, Orfeo ed Euridice.

Die Geschichte kennt jeder; Ranieri de' Calzabigi, der Librettist Glucks, hat sie hier radikal zurechtgestutzt, den Reformplänen des Komponisten entsprechend. Die Handlung setzt erst nach dem Tod Euridices ein - eigentlich. Da die Ouvertüre aber so prall, vital und positiv daherkommt, inszeniert Ivan Alexandre dazu das Hochzeitsfest der beiden Titelfiguren - und zwar musikwidriger- wie rätselhafterweise als das steifste Hochzeitsfest ever.

Die unglücklich statische Behandlung des meist in Bühnenlogen postierten Chores (Salzburger Bachchor) verfolgt der Regisseur leider weiter. Selbst die paarweisen Umarmungen und das sanft schunkelnde Tanzen zum Ende atmen die Frische, Spontaneität und Lebenslust eines Seniorenkränzchens. Und egal, ob Hirten, Furien oder Heroen darzustellen sind: Der Chor steckt in schwarzen Anzügen fest (Bühne und Kostüme: Pierre-André Weitz).

Neue, stumme Hauptfigur

Glänzendes Schwarz ist auch die dominierende Farbe der auf der Bühne aufgebauten "Showbühne": Mit ihrem fünffachen Goldrahmen könnte das auch ein Nightclub in Dubai sein. Wo so viel Schwarz ist, ist der Tod nicht weit: Alexandre stellt ihn dem personenarmen Geschehen als neue, Sinn und Spannung schaffende, stumme Hauptfigur bei. Uli Kirsch, oben Skelett, unten Lederhose, bezirzt und umgarnt Euridice in einem fort, will und will sie nicht aus seinem Reiche ziehen lassen. In der Elysium-Szene lässt Alexandre einen weißen Vorhang niederfahren, auf welchem er in einem Schattenspiel das verführerische Ringen des Todes um die schöne Erdentochter vor Augen führt.

Fantastisch, wie vielgestaltig Gluck die paradiesische Landschaft klingend vor Ohren führt, das Flöten und Zwitschern der Vögel, das Murmeln des Bächleins ... Marc Minkowski und die Musiciens du Louvre Grenoble (in Zusammenarbeit mit dem Mozarteumorchester Salzburg) bezaubern hier mit zartem lyrischen Fluss und hypnotisierender Entspanntheit - in Abwechslung zum satten Strömen des Leids oder der wuchtigen Wut der Furien zuvor.

Ana Quintans gibt - in weißen Jeans, schwarzem Lederjäckchen und mit Justin-Bieber-Hut - einen sanft burschikosen, harmlos-freundlichen Amor. Euridice ist in de' Calzabigis Libretto ja eine unglücksbringende Verführerin gleich der paradiesischen Eva: Camilla Tilling gibt sie in souveräner, nie outrierender Manier. Da dreht Bejun Mehta schon etwas mehr auf: Der Countertenor ist, klar, der Star des Abends, der Intensitätsmagnet dieser Produktion. Fähig zu durchschlagskräftiger Dringlichkeit und Schärfe wie auch zu Laszivität, Zartheit und fahler Fragilität, bietet er eine reiche Palette an Emotionen dar, gern theatralisch auffrisiert.

Das Premierenpublikum ist darob völlig kirre, feiert die Musiker - Ivan Alexandre entzieht sich einem Einzelurteil, indem er den Applaus gemeinsam mit Minkowski entgegennimmt. Nach zehnminütiger Begeisterung ergießt sich die Besucherschaft schließlich beglückt in den Salzburger Schnürlregen. (Stefan Ender, DER STANDARD, 25.1.2014)

  • Orfeo (Bejun Mehta) betrachtet entsetzt, wie seine Euridice (Camilla Tilling) vorbeigetragen wird.
    foto: apa

    Orfeo (Bejun Mehta) betrachtet entsetzt, wie seine Euridice (Camilla Tilling) vorbeigetragen wird.

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