Wuchtige Textbausteine stemmen

24. Jänner 2014, 17:37
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Regisseurin Sylvia Richter verlegt Lessings "Nathan der Weise" aus dem Jerusalem der Zeit der Kreuzzüge ins Heute

Eine desolate Bauruine aus Beton, wie sie heute überall in Ramallah oder im Gazastreifen stehen könnte, ist zentraler und einziger Schauplatz von "Nathan der Weise" am Tiroler Landestheater. Das verschachtelte bauliche Flickwerk setzt sich aus Teilen unterschiedlicher Epochen und Baustile zusammen (Bühne: Dietmar Teßmann).

Regisseurin Sylvia Richter verlegt Gotthold Ephraim Lessings eindringliches Plädoyer für ein tolerantes und friedliches Miteinander der drei abrahamitischen Weltreligionen aus dem Jerusalem der Zeit der Kreuzzüge ins Heute.

Betont nüchtern fällt Richters Inszenierung aus. Große Theatralik spart sie aus, sie gönnt den Schauspielern nicht einmal Requisiten. Der wuchtige, in Blankversen - als dramatisches Gedicht - verfasste Text, der in zweihundert Jahren nichts an Brisanz eingebüßt hat und heute aktueller scheint denn je, steht für sich. Auch auf untermalende Bühnenmusik wird gänzlich verzichtet. Einzig als Nathan von der Ermordung seiner Frau und seiner sieben Söhne durch christliche Brandschatzer erzählt, stimmt er ein unendlich trauriges jiddisches Lied an.

Das Spiel der Darsteller konzentriert sich auf kleine Gesten und die Textbewältigung. Andreas Wobig gibt einen herzensguten und liebevollen Nathan. Marion Fuhs ist seine bezaubernde Ziehtochter Recha. Janine Wegener ist diesmal die spröde christliche Gouvernante Daja. Jan-Hinnerk Arnke spielt den großherzigen Herrscher von Jerusalem Sultan Saladin und Sergej Gößner den soeben vom Tode begnadigten und sogleich zum Lebensretter gewordenen Tempelherrn.

Den christlichen Patriarchen (Michael Arnold) lässt Lessing wiederholt die ungeheuerlichen Worte sagen: "Tut nichts! Der Jude wird verbrannt." (dns, DER STANDARD, 25./26.1.2014)

Tiroler Landestheater, nächste Vorstellungen: 26.1., 2. und 5.2., 19.00

  • Nathan (A. Wobig) und Recha (M. Fuhs).
    foto: rupert larl

    Nathan (A. Wobig) und Recha (M. Fuhs).

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