Erdogans alte Weggefährten brechen mit Premier

24. Jänner 2014, 18:54
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Gülen-Bewegung in der Türkei klagt an: Die AKP hat den Staat übernommen

Er ist eine Kunstfigur und beschert der Türkei seit mehr als 100 Jahren repressives Staatsdenken: der "Homo lastus", wie ihn ironisch der Kolumnist und Politologe Ihsan Yilmaz nennt. Laizistisch, sunnitisch, türkisch sollte der Bürger der neuen Republik sein, den die Jungtürken und dann Staatsgründer Kemal Atatürk schufen. Heute ist die gesellschaftliche Zwangsmaschine in den Händen von Tayyip Erdogan und dessen Regierungspartei, stellt Yilmaz fest, ein Sprecher der islamistischen Gülen-Bewegung, die politisch lange mit dem türkischen Premier gegangen war: "Die AKP hat den Staat übernommen. Sie ist der Staat geworden."

Es ist Zeitenwende in der Türkei. Das Lager der konservativen Muslime, das vor mehr als zehn Jahren mit Wahlen an die Macht kam, ist gespalten. Und die Kritik der "cemaat", der einflussreichen großen Gemeinschaft des Predigers Fethullah Gülen, an dem autoritär agierenden Premier reicht tief, bis ins Mark der Republik.

"Homo lastus und Islamisten ergibt Kemalo-Islamismus. Es ist dieselbe Ideologie", erklärte Ihsan Yilmaz diese Woche bei einer Pressekonferenz der offiziösen Gülen-Vertreter in Istanbul. Dieselbe Denkschule, die um jeden Preis die Bürger gleich und staatsgläubig machen wolle und alle Andersdenkenden ausgrenze.

Seit dem dritten Sieg von Erdogans AKP bei den Parlamentswahlen im Sommer 2011 sind die Vorwürfe der Gülenisten an die Regierung immer hörbarer geworden: ausbleibende Reformen, Medienzensur, Entmachtung des Rechnungshofes, Niederschlagung der Gezi-Proteste. Erdogans Sieg über die Armee und die alte kemalistische Bürokratie hatte mit einem Mal weniger Bedeutung.

"Demokratie aufgegeben"

"Als sie die Institutionen des Staates in ihren Besitz bekamen, haben sie die Demokratisierung aufgegeben", stellte Mustafa Yesil fest, der Vorsitzende der Stiftung der Journalisten und Schriftsteller, der auch Ihsan Yilmaz angehört und deren Ehrenpräsident Fethullah Gülen ist.

Die Jungtürken von 1900 und ihre Nachfolger konnten nur 20 Prozent "Homo lastus" kreieren, sagt Yilmaz - der große Rest seien Kurden, Aleviten, Minderheiten wie die Armenier und Griechen, die durch Massaker und Emigration aus dem Land entfernt wurden. Die "Kemalo-Islamisten" von heute handelten ähnlich autoritär mit ihren Verschwörungstheorien und "fabrizierten Anschuldigungen" gegen Gezi-Demonstranten oder die Staatsanwälte, die wegen Korruption zu ermitteln versuchen, so geben die Gülenisten an.

Fragen nach der Größe und Struktur des Gülen-Netzwerks in der türkischen Justiz und Polizei bleiben die Anhänger des Predigers aber schuldig. Die Bewegung kontrolliere gar nichts, heißt es, sie sei apolitisch; sie wolle auch keine Partei gründen. Und sie bleibt lieber diskret: "Niemand sagt: 'Oh ja, ich liebe Fethullah Gülen, und ich bin Beamter der Besoldungsklasse F5!' Versetzen Sie sich in die Lage der Leute." (Markus Bernath aus Istanbul, DER STANDARD, 25.1.2014)

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