Der sündige Körper des Präsidenten

Kommentar der anderen24. Jänner 2014, 18:00
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Die Zeiten, in denen die Herrscher eine sterbliche und eine ideelle physische Erscheinungen hatten, sind vorbei. Die Weihen des Amtes heben persönliche Verfehlungen nicht mehr auf - auch in Frankreich nicht mehr

Laut Umfragen sind den meisten Franzosen die sentimentalen Abenteuer ihres Staatschefs einerlei: Fast drei Viertel der befragten Personen antworten, dass das Hin und Her von François Hollande zwischen seiner offiziellen Lebensgefährtin, Valérie Trierweiler, und der lang verheimlichten Geliebten, Julie Gayet, "reine Privatsache" ist. Der Körper und das Herz eines Präsidenten gehören ihm, nur ihm.

Ist das so? In den USA, erinnert uns der Korrespondent der Libération in Brüssel, Jean Quatremer, ist man anderer Meinung: "Das Eigentum am präsidentiellen Körper", schreibt Quatremer, "wird während seines Mandats auf die gesamte Republik übertragen." Solange er die streng geheimen Atomwaffen-Codes besitzt, ist er kein freier Mensch. Der US-Präsident hat zum Beispiel weder eine private Handynummer noch Zugang zum eigenen Bankkonto.

Aber was nun bedeutet die triviale Tatsache, dass ein amtierender Präsident der Republik, der auf einem Motorroller zu seiner Geliebten eilte (das Gesicht unter einem Motorradhelm verborgen) und von den Paparazzi des Klatschmagazines Closer angeblich "an seinen Schuhen" erkannt wurde, für unsere Beziehung zum Politischen?

Es gibt uns zu denken. Und das nicht nur, weil dieselben Fotografen, die ihn monatelang belauscht haben, durchaus auch Terroristen hätten sein können. Um die volle Bedeutung dieser "privaten Affäre" zu verstehen, müssen wir auf die Vergangenheit zurückgreifen - darauf, wie man sich jahrhundertelang die Macht der Monarchie in der westlichen Welt rechtlich vorgestellt hat.

In seinem Buch The King's Two Bodies ("Die zwei Körper des Königs", 1957 in Princeton erschienen) beschreibt der deutsche Historiker Ernst Kantorowicz, wie die Juristen des Mittelalters neben dem "sterblichen" Körper des Souveräns auch einen andereren, "übernatürlichen" vermutet haben. Diese ideelle, engelhafte Entität konnte weder sündigen noch sterben. Sie verkörperte die Kontinuität des Königtums - wir würden heute sagen: der Nation.

Dieser für uns so fremd gewordene Begriff erklärt auch diesen rituellen Ausspruch: "Le roi est mort, vive le roi!" ("Der König ist tot, es lebe der König!") Kantorowicz, vom Nazismus - einer Ideologie, die den Führer vergöttert hat - ins amerikanische Exil vertrieben, hat in der doppelten Natur des Monarchen den Ursprung des modernen Staates gesehen, der zwischen der politischen Funktion und der Person, die sie bekleidet, klar unterscheidet.

Deswegen ist in Frankreich der Absolutismus von königlichen Ehebrüchen auch nie gestört worden. Nicht dass er immer wieder Favoritinnen auserwählt hatte, wurde zum Verhängnis für Louis XIV., sondern dass eine von ihnen, die Marquise de Montespan, in die schrille "Giftaffäre" verwickelt wurde - ein Politkrimi mit unzähligen Morden und Hexerei, der das Königreich 15 Jahre lang in Atem hielt.

Exitus bei der Mätresse

Zwei Jahrhunderte später wurde ein weiterer Höhepunkt des Skandals erreicht, als der verheiratete Präsident Félix Faure 1899 in den Armen seiner Mätresse Marguerite Steinheil im Élyséepalast einen fatalen Schlaganfall erlitt. Die erotischen Umstände seines Todes haben damals zu vielen Witzen geführt, aber weniger politischen Wirbel verursacht als die Dreyfus-Affäre.

Mit General de Gaulle kam 1958 plötzlich ein anderer Stil auf. Von der Bevölkerung gewählt, verfügte das französische Staatsoberhaupt von nun an über umfassende Vorrechte - unter anderem die Einsatzgewalt über die Nuklearwaffen. De Gaulle verlieh seiner Funktion eine unverwechselbare, ja fast heilige Würde: die satirische Wochenzeitung Le Canard Enchaîné stellte "Grand Charles" stets als "Sonnenkönig" dar.

In den Augen des Generals reichte diese Würde weit über die eigene Person hinaus. Als ihm zu Beginn des Präsidentschaftswahlkampfes 1965 enge Mitarbeiter dringend rieten, mit peinlichen Enthüllungen über seinen Gegner François Mitterrand nicht zu sparen, weigerte er sich kategorisch: "Nein. Man darf der Funktion nicht schaden, sollte er sie zukünftig bekleiden."

1968 und die Vaterfiguren

Dieses Wort zeigt nicht nur klaren Verstand - tatsächlich wurde Mitterrand Präsident (1981-1995) -, sondern ist Ausdruck einer politischen Philosophie, die seit dem Mittelalter gegolten hatte. Drei Jahre danach veränderte die 68er-Rebellion unsere Beziehung zur Autorität, zur Vaterfigur (und daher zur Gottfigur) tief und für immer.

Auch Jacques Chirac prägte die Franzosen stark: weil er, wie Mitterrand, zwei volle Amtszeiten hindurch (1995-2007) regierte und den rechtspopulistische Front National ausgrenzte. Der letzte Wahlkampf, ein Fernsehfilm von Bernard Stora, zog 2013 Millionen Zuseher an: Man sieht einen alten und manchmal geistig verwirrten Chirac, der davon träumt, wie er Hollande hilft, seinen eigenen Intimfeind Nicolas Sarkozy 2012 zu besiegen.

Diese Fiktion ist genauso lustig wie gut recherchiert. Aber eine Ära geht eindeutig zu Ende, die Entzauberung des Politischen ist vollkommen. Hier mit Chirac ein alter Vater, geschwächt, aber beliebt. Und dort ein Präsidenten-Kumpel mit amourösen Intrigen, die er nolens volens mit den anderen Bürgern teilen muss.

Ist unsere Beziehung zur Politik dadurch stärker geworden? Sicher nicht. Und Ex-Präsident Sarkozy, seinerzeit für seine Probleme mit Ex-Frau Cécilia berühmt, dann für seine Äußerungen über die neue Auserwählte (" Mit Carla ist es ernst"), wird sie wohl nicht reparieren können, sollte er 2017 wieder gegen Hollande kandidieren. (Joëlle Stolz, DER STANDARD, 25.1.2014)

JoËlle Stolz ist Wien-Korrespondentin von "Le Monde".

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