Pendler: "Wir sind moderne Nomaden"

26. Jänner 2014, 12:00
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Das fahrende Volk wächst: Bereits 2,1 Millionen Österreicher sind Pendler. Öffi-Defizite sorgen aber für Asphalt-Frust und machen den Verkehrsfluss unberechenbar. Ein früher Lokalaugenschein auf Oberösterreichs Straßen

Linz - Der Nebel hängt tief im Donautal. Dunkelheit und Kälte machen den Morgen nicht unbedingt attraktiver. Was noch fehlt zu einem mühsamen Tagesbeginn, ist mit einem Blick auf die Uhr erledigt: 5 Uhr zeigt das Display im Auto an. Hat Morgenstund' nicht eigentlich Gold im Mund? Frischer Kaffee ist um diese Uhrzeit auf jeden Fall Gold wert.

Der gemeine Linzer scheint am frühen Morgen noch wenig mobil. Kaum Verkehr auf der Straße. Ein paar Nachtschwärmer, die sich mutig und im Ausfallsschritt gegen den hereinbrechenden Tag stellen. Freie Fahrt auch über die Nibelungenbrücke und durch die Rudolfstraße - ein Ereignis mit Seltenheitswert in Linz.

Der Weg führt auf der Rohrbacher Straße hinaus aus der Stadt. Instinktiv dreht man hier das Autoradio lauter. Die B127 ist "Dauergast" im Verkehrsfunk. Kilometer vor der Stadtgrenze stellen sich hier normalerweise die Autofahrer an. Es ist eine der stärksten Pendler-Routen in die Landeshauptstadt. Von den täglich rund 87.000 Einpendlern kommt Verkehrserhebungen zufolge ziemlich genau die Hälfte aus dem Mühlviertel: 19.564 aus Urfahr-Umgebung, 9784 aus Freistadt, 7565 aus Perg und 6516 aus Rohrbach.

Begehrte Abstellflächen

Während Linz noch schläft, hat für viele "Auswärtige" der Tag längst begonnen. Spürbar wird dies etwa am Bahnhof Rottenegg. Rechtzeitig vor der Stauzone biegen hier viele Pendler auf die Park&Ride-Plätze nahe der Mühlkreisbahn ab. Eine dieser begehrten Abstellflächen hat an diesem Morgen Stefanie Hoffmann ergattert. Der Arbeitstag beginnt für die junge Frau aus Klaffer um 5 Uhr früh. Gut eine Stunde ist die Pendlerin im Auto unterwegs, ehe sie auf die Schiene umsteigt.

Eine Weiterfahrt mit dem Auto bis nach Linz kommt für sie nicht in Frage: "Die Verkehrssituation auf der B127 Richtung Linz ist schwer einzuschätzen. Erwartet man frühmorgens einen kilometerlangen Stau, läuft der Verkehr oft problemlos. Umgekehrt, wenn wir uns keinesfalls Verkehrsbehinderungen erwarten, ist die Anfahrtszeit oft lang und man kommt zu spät." Überzeugter Bus-Fahrgast ist der Niederwaldkirchner Ernst Simader: "Einfach herrlich. Wenn der Verkehrsstress losgeht, hab ich mein Auto längst geparkt und sitz gemütlich im Bus und genieß mein zweites Frühstück."

Enttäuschende Politik

An die große Verkehrslösung durch den Bau des Linzer Westrings samt vierter Donaubrücke (Baubeginn 2015) glaubt Simader aber nicht: "Von der Politik wurden wir Pendler in den letzten Jahrzehnten nur enttäuscht. Da wurde viel geredet, passiert ist nichts." Ein Umstieg aufs Auto käme aber sowieso nicht in Frage: "Wir sind moderne Nomaden. Und haben uns daran gewöhnt."

Doch so verlockend auch Bahn und Bus angesichts eines drohenden Verkehrskollapses sein mögen: Der informationshungrige Journalist wählt klarerweise den Stillstand auf der Straße. Also zurück Richtung Linz. Deutlich mehr Verkehr, doch alles fließt. Ottensheim wird rechts liegen gelassen, der Tunnel erfolgreich passiert. Puchenau rückt näher. Der Tacho zeigt flotte 80 Stundenkilometer, von "Stop & Go" also weit entfernt.

Dann eben nach der nächsten Kurve. Der Fuß zuckt bereits über dem Bremspedal. Die Finger wandern nervös über die Warnblinkanlage - andere Autofahrer wollen bitte rechtzeitig gewarnt sein. Doch nichts. Keine Bremslichter, kein Stillstand. Dafür grüne Welle bei den nächsten drei Kreuzungen. Langsam, aber sicher taucht die Skyline von Linz auf. Und es reift mit dem Erblicken des Linzer Schlosses die Erkenntnis: Wer den Stau sucht, wird ihn nicht finden. Wohl ein schwacher Trost für die sonst so staugeplagten Pendler aus dem Mühlviertel. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD, 25./26.1.2014)

  • Der gelernte Oberösterreicher ist Autofahrer, acht von zehn Pendlern fahren mit dem Auto zur Arbeit. Auf der Rohrbacher Straße wird die Fahrt nach Linz daher regelmäßig eine Geduldsprobe.
    foto: wjd

    Der gelernte Oberösterreicher ist Autofahrer, acht von zehn Pendlern fahren mit dem Auto zur Arbeit. Auf der Rohrbacher Straße wird die Fahrt nach Linz daher regelmäßig eine Geduldsprobe.

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