Überwachung: "Europäer fürchten Stasi-Methoden"

24. Jänner 2014, 15:25
42 Postings

Umfrage: Im Vergleich zu Bürgern aus anderen Teilen der Welt legen Europäer mehr Wert auf Datenschutz

Wie Technologien das Leben verändern, ist das große Thema beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos. Microsoft stellte am Freitagvormittag das Ergebnis einer in zehn Ländern durchgeführten Online-Befragung vor, die zeigt, dass es eine weitverbreitete Sorge um den Schutz der Privatsphäre gibt. Bei der Frage nach negativen Auswirkungen von persönlicher Kommunikationstechnologie wurde dieses Thema mit Abstand am häufigsten genannt - und zwar von 47 Prozent der 10.000 Befragten.

Im Vergleich zu Bürgern aus anderen Teilen der Welt legen Europäer demnach deutlich mehr Wert auf Datenschutz. "Die Europäer sind extrem besorgt und fürchten Stasi-Methoden. Das hat auch mit den Erfahrungen aus der Vergangenheit zu tun", analysierte Maurice Lévy, Chef der Kommunikationsagentur Publicis Groupe, bei der Präsentation der Studie.

Japaner technologieskeptischer

Wenn danach gefragt wird, ob man Privatsphäre gegen mehr Sicherheit aufgeben würde, sprechen sich die Deutschen mit 68 Prozent für Ersteres aus, gefolgt von Japan mit 65 Prozent. Die Studie zeigt generell, dass die Japaner - vermutlich aufgrund der AKW-Katastrophe von Fukushima - eine deutlich technologieskeptischere Haltung einnehmen als US-Amerikaner oder Befragte in Schwellen- und Entwicklungsländern.

Für Microsoft-Vizechef Mark Penn "muss dieser Bereich energischer als bisher angegangen und vonseiten der Regierungen fixiert werden". Bereits zuvor hatten Konzernchefs von Yahoo, British Telecom, AT &T und SAP klare Regelungen der Politik verlangt - was für Unternehmensbosse in Davos ungewöhnlich ist.

"Die Zukunft ist mobil"

Der zweite große Trend, der in Davos diskutiert wird, ist die Entwicklung in Richtung mobiler Geräte. "Die Zukunft ist mobil", fasste Alan Murray, Präsident des renommierten US-Umfrageinstituts Pew Research Center, das Ergebnis seiner Studien zusammen. 1,5 Milliarden Smartphones gebe es weltweit bereits, die Zahl wachse ständig. "Diese Technologie verbreitet sich schneller als alles bisher Dagewesene", erklärte Larry Summers, ehemaliger US-Finanzminister und nunmehr Wirtschaftsprofessor an der Harvard University.

Ähnliche Einschätzungen waren auch von Erik Brynjolfsson, Direktor des MIT Center for Digital Business, und seinem MIT-Kollegen Andrew McAfee zu hören. Bei der Vorstellung ihres Buches "The Second Machine Age" war auch "New York Times"-Kolumnist Thomas Friedman auf dem Podium, der "die Globalisierung und die IT-Revolution" als die größten Meilensteine des 21. Jahrhunderts bezeichnete. Als er selbst sein Buch "Die Welt ist flach" vor sieben Jahren veröffentlicht habe, sei die Welt eine völlig andere gewesen: "Facebook war noch nicht da, Twitter noch ein Geräusch, und die Cloud war am Himmel", beschrieb er die damalige Zeit. "Man muss sich einmal vorstellen, wie sehr sich die Welt binnen sieben Jahren verändert hat."

Brynjolfsson erklärte, dass ihn am meisten die Geschwindigkeit des Veränderungsprozesses überrascht habe. Er untermauerte dies mit Zahlen: Große technologische Entwicklungen habe es in der Geschichte alle 70 Jahre gegeben, jetzt alle 18 Monate.  "Das ist eine extrem kurze Zeit. Die Frage ist, ob Regierungen, Unternehmen, unsere Gesellschaft da mithalten können." Friedman verwies auf das interessante Phänomen, dass ein einzelner Mann wie der Whistleblower Edward Snowden eine Supermacht wie die USA herausfordern könne.

Arbeitsplätze gefährdet

Co-Autor McAfee verwies auch auf negative Aspekte der Veränderung: dass diese Entwicklung Arbeitsplätze gefährde. Das habe umfassende Auswirkungen, etwa auf das Steuersystem: 80 Prozent der Steuereinnahmen in den USA stammten aus dem Faktor Arbeit. Auch der ehemalige US-Finanzminister Summers erwähnte die Besteuerung als neue zentrale Herausforderung, die sich durch die technologische Entwicklung ergebe.

Für alle, die sich durch diese IT-Revolution überfordert fühlen, hatte "NYT"-Kolumnist Friedman einen Rat: Man müsse sich jeden Tag die Frage stellen, "in welcher Welt lebe ich? Welche Veränderungen passieren gerade?" Jeder sei heute dreimal mehr Herausforderungen ausgesetzt als noch vor sieben Jahren. "Damit müssen wir alle erst umgehen lernen." (Alexandra Föderl-Schmid aus Davos, derStandard.at, 24.1.2014)

Share if you care.