Zweierlei Unglück am Süppchen vom Missgeschick

Kolumne24. Jänner 2014, 17:03
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Von Julya Rabinowich

Der Mensch ist seines Glückes Schmied. In diesem Sinne ist er auch seines Ungeschickes Schneider. Damit spiele ich nicht auf die neuesten Querschüsse des neuesten Quereinsteigers ein, der athletisch beeindruckend sein Abheben von der Arbeiterrealität vorturnte.

So ein Tausender im Monat mehr oder weniger wird dem gewöhnlichen Hackler in seiner gewöhnlichen Lebensführung nicht auffallen. Die Teilnehmer der Kategorie Fettnapfweitsprung sind schon zu Jahresbeginn gut aufgestellt. Dabei hat Sotschi noch nicht einmal angefangen. Es gibt dennoch auch andere, vielversprechende Kandidaten. Manche in der Subdisziplin "Stiegensteigen als öffentliche Schande". Erwähnenswert wäre noch, dass die Ausrüstung zu dieser Sportart aus einem Frotteebademantel (weiß, zu groß) und Frotteehausschlapfen (weiß, zu groß) besteht. Unbedingt nichts darunter tragen.

Nicht weil man jetzt exhibitionistisch werden wollte - sondern weil man nach einer fordernden Abendlesung am nächsten Morgen kurz vor dem Auschecken im feinen Hotel noch ins Dampfbad gehen möchte. Seit drei Tagen ist man schon unterwegs, abgeschlagen und verspannt. In der Strumpfhose fand man Minuten vor der Lesung ein Loch knapp oberhalb des Knies. Man griff zum Signierstift und malte die Haut darunter schwarz an. Die Dame an der Rezeption ist freundlich und wirft die Sauna ausnahmsweise vormittags an. Man entschwindet in wohltuende Dampfschwaden, schwitzt den Stress aufs Marmorbankerl, döst vor sich hin. Später duscht man, zieht den Bademantel über, schlapft zum Ausgang, der mit einem Kartenschloss gesichert ist.

Die Tür zum Wellnessbereich fällt zu. Jene, die zum Lift führt, lässt sich nicht öffnen. Die andere auch nicht mehr. Man sitzt im Stiegenhaus fest. Die Karte ist abgelaufen: Tiefenentspannt hat man auf die Zeit vergessen und vor 30 Minuten auschecken sollen. Man rennt fluchend hinab bis zum Garagentor, klopft und brüllt in jedem Stock laut herum, hofft, dass verirrtes Personal einen erhört. Es erhört. Aber erst wenn man schon ganz unten war und dann wieder ganz oben, während der Song vom Orsolics gar nicht mehr aus dem Bewusstsein zu verdrängen ist.

Stehenbleiben ist zu kalt. Das Zimmermädchen lässt einen herein. Man kann natürlich auch sein Hotelzimmer nicht mehr öffnen. Die Karte ist mausetot. Man hasst sich selbst und die Technik dazu. Und dann wird einem klar, dass man nun zur Rezeption gehen muss, um wieder an seine Sachen zu gelangen: durch das schicke Foyer und den offenen Barbereich. Direkt auf dem roten Teppich. In Bademantel und Badeschlapfen. Mit einem runden schwarzen aufgemalten Fleck am Oberschenkel. Nein, nein, das war natürlich nicht ich. (Julya Rabinowich, Album, 24./25.1.2014)

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