"Der perfekte Auftraggeber für Tötungen"

Interview24. Jänner 2014, 14:40
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Die Beweislage im Fall Josip Perkovic sei schlecht, sagt Südosteuropa-Experte Bernd Robionek

STANDARD: Wie sehr sind die Udba-Morde im Ausland - insbesondere in Deutschland und Europa - aufgeklärt?

Robionek: Sehr schlecht. Anfang der 80er Jahre kam es in Saarbrücken zu Verurteilungen nach dem Prozess wegen eines Anschlages auf Frane Goreta. Allerdings hatte dieser Anschlag eine für die "Udba"-Morde untypische" Handschrift" gehabt. Es handelte sich um eine regelrechte Erstürmung der Wohnung Goretas. Also um eine auch für die Täter gefährliche Vorgehensweise, entgegen dem sonst üblichen Hinterhalt. Ein schottisches Gericht verurteilte 1988 Vinko Sindicic wegenversuchten Mordes an Nikola Stedul. Dieser Fall kann als aufgeklärt gelten, aber Stedul hat überlebt, sodass ich sagen würde, dass bislang kein einziger Mord an einem Exilkroaten hinreichend aufgeklärt wurde. Auch nach dem Prozess in München bleiben noch offene Fragen.

STANDARD: Gibt es ähnliche Prozesse wie jenen gegen Krunoslav P. im Jahr 2008 in München?

Robionek: Meines Wissens nicht. Aber gegen Perkovic und andere ehemaligeMitarbeiter jugoslawischer Geheimdienste wird ermittelt.

STANDARD: Wie viele Morde gehen insgesamt auf das Konto der Udba?

Robionek: Das ist nicht ganz eindeutig zu beantworten. Die von Hans-Peter Rullmann angefangene und aus Exilantenkreisen weitergeführte Liste nennt 69Exilkroaten, die im Zeitraum von 1946 bis 1989 eines gewaltsamen Todes starben. Man sollte aber vorsichtig sein. Branimir Jelic z.B. starb 1972eines natürlichen Todes, wird aber trotzdem aufgeführt, weil seine Nachfolger ihn zum Märtyrer stilisierten. Auch sind nicht alle getöteten Exilkroaten zwangsläufig "UDBA"-Opfer. Da müsste man jeden Fall einzelngenau untersuchen.

STANDARD: Waren die Morde vor allem gegen Exil-Kroaten, die für ein unabhängiges Kroatien eintraten gerichtet? Wie viele Agenten der Udba operierten in Europa ausserhalb von Jugoslawien?

Robionek: Ja, Kroaten waren die weitaus am stärksten betroffene Gruppe. Es gababer auch eine Reihe mysteriöser Morde an Exilserben und -albaner. Das Ziel einer staatlichen Unabhängigkeit ihres Landes war der kleinste gemeinsame Nenner unter den oft rivalisierenden Exilkroaten-Gruppierungen. Über die Zahl der Agenten kann ich nur sagen, dass die jugoslawischen Auslandsvertreteungen als Stützpunkte dienten und auch das Personal dortin einer Parallelstruktur häufig nachrichtendienstlich tätig war.

STANDARD: Ist es möglich Forschungen zu dem Thema zu machen?

Robionek: Prinzipiell schon.

STANDARD: Wie ist der Zugang zu den ex-jugoslawischen Archiven? Gibt es Erkenntnisse zu Udba-Morden in Österreich (auch jenseits des FallsCrnogorec und Martinovic)?

Robionek: Das brisante Material liegt unter Verschluss. Ähnlich ist es ja auch in Deutschland. Die Geheimdienste lassen sich auch nachträglich ungern in die Karten schauen.

STANDARD: Waren die Auftragsmorde der Udba mit Auftragsmorden anderer Geheimdienste (etwa des bulgarischen Geheimdienstes) im Ausland zu vergleichen oder gingen die meisten Auftragsmorde in Europa, Australien, Kanada und Argentinien auf das Konto der Udba?

Robionek: Anschläge auf Emigranten aus anderen Ländern, z.B. Bandera, liefen nachähnlichem Schema ab.

STANDARD: Hat die Udba in diesem Sinne besonders viele Morde begangen?

Robionek: Die "UDBA" (also SDS bzw. SDB) nahm eindeutig eine Spitzenposition ein.

STANDARD: Handelte es sich um Mörder, die angeheuert wurden?

Robionek: Davon ist auszugehen.

STANDARD: Gab es also neben dem offiziellen Geheimdienst einen weiteren inoffiziellen Geheimdienst?

Robionek: Jugoslawien war auf diesem Sektor grundsätzlich so aufgebaut wie andere Länder auch: es gab einen Inlands-, Auslands- und Militärgeheimdienst. Multipliziert hat sich diese Struktur durch den Föderalismus. Jede Republik, ja sogar jeder Distrikt, hatte ihre/seine eigenen Organe für Innere Sicherheit, die auch für die Emigranten, die aus diesen Gebieten stammten, zuständig waren. Auf dieser dezentralen Ebene war genügend Spielraum für irreguläre Aktionen.

STANDARD: Hat sich nach dem Kroatischen Frühling die Tätigkeit der Udba im Ausland besonders verstärkt?

Robionek: Auf Geheiß Titos hat sich die Zusammenarbeit zwischen den Sicherheitsorganen (In- und Auslandsdienste, Militär) vor allem nach der Inkursion 19 extremistischer Guerillakämpfer nach Bosnien im Juni 1972verstärkt. Auch die Zusammenarbeit zwischen bundesdeutschen und jugoslawischen Sicherheitsbehörden hat sich damals deutlich intensiviert.

STANDARD: Denken Sie, dass es noch zu weiteren Auslieferungen von Kroaten/Slowenen und im Zuge der EU-Annäherung auch Serben/Mazedoniern/Montengrinern kommen wird, die verdächtigt werden mit den Udba-Morden in Verbindung zu stehen?

Robionek: Eine Aufarbeitung, sei sie juristisch oder wissenschaftlich, wäre auf jeden Fall wünschenswert, müsste sich aber auf mehr als vor allem subjektiv eingefärbte Aussagen ehemals Beteiligter stützen. Wir brauchen belastbares Material.

STANDARD: Wie schwer ist es die politisch Verantwortlichen oder hohe Geheimdienstvertreter wie Perkovic für die Morde juristischverantwortlich zu machen? Wie sieht da die Beweislage aus?

Robionek: Noch ist keinesfalls geklärt, ob Perkovic für den Mord an Djurekovic verantwortlich war. Seiner damaligen Position entsprechend ist der Verdacht aber begründet. Die Beweislage ist sehr schlecht, da dieMord-Operationen offenbar auf informellem Weg erfolgt waren und viele Zeugen bereits verstorben sind. Perkovic hat in Kroatien den Bonus, dass er 1991 als wichtiger Geheimdienstmann auf der Seite Zagrebs geblieben ist.

STANDARD: Gibt es in anderen Staaten den Versuch, die Udba-Morde aufzuklären, etwa Italien oder Frankreich?

Robionek: So viel ich weiß nicht. Nachdem die damaligen Ermittlungen generell ohne endgültige Ergebnisse abgeschlossen sind, hat sich nichts Neues ergeben. Der jugoslawische Staat war der perfekte Auftraggeber für Tötungen im Ausland, weil er über die entsprechende Infrastruktur verfügte. Ergenoss ein hohes Ansehen in aller Welt und der von ihm ausgestellte Reisepass war wahrlich ein Passepartout mit dem man bestens über die internationalen Grenzen kam. Die jugoslawischen Behörden konnten professionelle Killer beliebig mit gültigen Papieren ausstatten und ihnen mit dem eigenen Staatsterritorium ein komfortables Rückzugsgebietbieten. Unter der Maßgabe, freundliche Beziehungen zu Jugoslawien zu unterhalten, schenkten die Organe der Länder, in denen sich die Tatenereignet hatten, den offiziellen Verlautbarungen der jugoslawischen Seite, dass es sich mal wieder um eine "Abrechnung zwischen verfeindeten Emigranten" gehandelt habe, zumindest vordergründig Glauben.

STANDARD: Laut dem Münchner Gerichtsurteil hat Tito selbst bis zu seinem Tod die Liquidierungsbefehle gegeben. Ist das richtig? Kann im letzten also nur Tito selbst für die Befehle verantwortlich gemacht werden? Oder hat er diese Befehle nur "abgesegnet" und sind andere dafür verantwortlich, dass es überhaupt dazu kam?

Robionek: Das wage ich zu bezweifeln, dass Tito überhaupt direkt in Berührung mit den Abläufen um die Ermordung einzelner Exilkroaten stand. Einen stichhaltigen Beweis gibt es jedenfalls bislang nicht. Es mag manchem Ex-Exilanten nicht gefallen, aber ihre Rolle war meist so peripher, dass ein Staatsoberhaupt sich nicht mit ihnen näher befassen musste. Ausnahmen bildeten vielleicht ausgesprochen militante Opfer wie Josip Senic und Stipe Sevo, beide Mitglieder einer bewaffneten antijugoslawischen Untergrundorganisation, oder die drei im Oktober 1968in München ermordet aufgefundenen Anhänger der Neo-Ustasa-Organisation "Vereinte Kroaten Deutschlands". Diese extrem nationalistischen Aktivisten waren potenziell gefährlich. Tito hat vielleicht seingrundsätzliches Einverständnis gegeben, aber einzelne Befehle wohl kaum erteilt. Da konnten seine Spezialisten die Situation effizienter einschätzen, ohne dass er sich dabei die sprichwörtlichen Händeschmutzig machen musste. (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, Langfassung, 24.1.2014)


Bernd Robionek wurde als Südosteuropa-Experte und Historiker für einen Udba-Mordprozess in München 2008 beigezogen.

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