"Der Coolness-Faktor von Facebook ist inzwischen weg"

27. Jänner 2014, 13:54
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Max Schrems: "Hier geht es nur um die Regeln des Silicon Valley, und der Rest der Welt ist geflissentlich egal"

Seit zweieinhalb Jahren begleitet der österreichische Jus-Student Max Schrems das soziale Netzwerk Facebook. Die Art und Weise dürfte dem Internetriesen aber nicht genehm sein, hat sie seiner Initiative "Europe-v-Facebook" doch mehrere Anzeigen aufgrund von Datenschutzverletzungen eingebracht. Die APA sprach mit dem 26-Jährigen über den mühsamen Gerichtsstreit in Irland und fehlende Interaktivität.

APA: Wie hat sich Facebook aus Ihrer Sicht seit der Gründung vor zehn Jahren entwickelt?

Schrems: Es hat sich von einer Community zu einem Konzern entwickelt. Statt auf einer nutzergetriebenen Website befindet man sich nun auf jener eines Konzerns, der im Prinzip möglichst viel Werbung platzieren und Nutzertraffic generieren will. Früher galt die Maxime: Wir müssen die Nutzer glücklich machen, damit sie kommen. Inzwischen hat sich das gewandelt. Spannend wird nun, ob das Verhältnis zwischen sinnvollem Content und bloßer Werbung und Trash irgendwann kippt. Dann wird das ein großes Problem werden.

APA: Fehlt damit zusehends die Interaktivität?

Schrems: Ja, das ist ein Problem, an dem sie herumbasteln müssen. Es ist zwar ganz nett, wenn Leute einmal am Tag draufklicken - das hat orf.at auch -, aber wenn sie dann nach 30 Sekunden wieder offline sind, kann ich ihnen keine Werbung verkaufen. Das merke ich bei meinem eigenen Nutzerverhalten: Wenn ich wirklich relevante Informationen haben will, schaue ich auf Twitter nach. Wenn ich persönlich mit Leuten Fotos austausche, schicke ich sie ihnen über WhatsApp. Facebook hat ein bisschen das Persönliche verloren. Das ist eher diese Broadcast-Idee: Schreien wir es mal in die Welt hinaus.

Somit wird es auch mehr zur Content-Maschine. Dort kann ich zwar etwas reinschieben und mich freuen, wenn es rot leuchtet und ich drei "Likes" habe. Aber der persönliche Touch ist verlorengegangen, weil es so stark kommerzialisiert worden ist. Andererseits müssen sie auch irgendwie ihr Geld verdienen. Das Grunddrama war damals der Börsengang, bei dem sie viel zu hoch bewertet haben, und nun das Geld irgendwie aus einem Produkt rausquetschen müssen. Das kann zwar Geld machen, aber vielleicht nicht so viel.

APA: Wurde der Zenit bereits überschritten?

Schrems: Der Coolness-Faktor ist inzwischen weg. Aber das war absehbar, was ist schon immer neu? Auch das iPhone ist inzwischen nicht mehr das Coolste, das sich die Welt vorstellen kann. Die Frage ist, wie sie es dauerhaft rüberretten können. Was ihnen allerdings keiner wegnehmen wird, ist ein faktisches Monopol auf die Kommunikationsform des Social Networking. Alle Alternativen müssten in ganz kurzer Zeit quasi die gesamte Nutzerbasis auf ihre Website rüberziehen. Diese Machtposition haben sie einbetoniert, bis vielleicht irgendwann ein Politiker auf die Idee kommt, dass man da eine Leitungsöffnung verfügt, wie bei anderen Netzwerken. Aber das ist relativ unwahrscheinlich.

APA: Haben die diversen Diskussionen rund um den Datenschutz bei Facebook auch etwas in den Köpfen der Nutzer bewirkt?

Schrems: Was die Datenschutzdiskussion durchs Dach schießen hat lassen, war die NSA-Geschichte. Aber auch Facebook war bereits vorher in dieser Thematik ein Klassiker. Einfach weil es so ein schöner Musterfall ist: Auf der einen Seite ein Konzern, der alles ausquetscht, auf der anderen Seite Nutzer, die alles freiwillig reinstellen. Die Privatsphärendiskussion ist nicht zuletzt stark kulturell geprägt. Als US-Unternehmen verstehen sie nicht im Entferntesten, warum das ein Problem sein soll. Sie haben ein Standardprodukt weltweit auf den Markt gebracht und wundern sich, dass es anderen Ländern und anderen Gesetzen vielleicht nicht ganz entspricht. Aber hier geht es nur um die Regeln des Silicon Valley, und der Rest der Welt ist geflissentlich egal.

APA: Wie lange wird Sie persönlich die Datenschutz-Causa rund um Facebook noch beschäftigen?

Schrems: So wie es ausschaut, noch länger. Wir planen derzeit einige Dinge, über die ich noch nicht sprechen möchte. Aber wir bleiben dran. Wir sind schlichtweg dabei, uns Stück für Stück durch die Mühlen zu graben. Das ist ja genau der Plan der Behörde in Irland und von Facebook: Das so lange hinauszuziehen, bis es den depperten Österreichern endlich zu blöd wird. Aber es ist einfach eine Grundsatzfrage. Also schickt man immer weiter fröhlich seine Briefe hin. Das Grundproblem in Europa ist ja, dass wir uns hinstellen und sagen: Hurra, Grundrechtsschutz. Aber wenn es dann darum geht, das aktiv durchzusetzen, haben wir Fuzzi-Behörden, die sich nicht trauen, und politisch will man auch nicht hingreifen. Es ist einfach ein riesiges Feigenblatt. (APA, 24.1. 2014)

  • Max Schrems
    foto: standard/cremer

    Max Schrems

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