Ein Jahr nach dem ersten #aufschrei

24. Jänner 2014, 16:25
40 Postings

Wie aus einem spontanen Tweet über Alltagssexismus eine preisgekrönte Kampagne wurde

Sie waren Dauergäste in Magazinen, in Fernsehshows und vor allem auf Twitter. Im Juni des vergangenen Jahres erhielten Nicole von Horst und Anne Wizorek gemeinsam mit allen, die sich an der von ihnen gestarteten Twitter-Kampagne #aufschrei beteiligt hatten, den Grimme Online Award.

Unter dem Hashtag #aufschrei starteten die beiden Deutschen, angeregt durch einen in Tweetform gegossenen Erfahrungsbericht von Maike Hank etwas, das sich - im wörtlichen Sinn - über Nacht zu einer breiten, virtuell geführten Protestbewegung gegen Alltagssexismus auswuchs.

Tausende Erfahrungsberichte

Die Themenpalette reichte weit: von dem "Typ, der mir im Vorübergehen an den Busen grabschte", bis zum Chef, "der mir nach Beschwerde über den grabschenden Kollegen riet, weniger weiblich aufzutreten und 'distance' zu bewahren". Tausende Erfahrungsberichte reihen sich aneinander.

In den ersten beiden Wochen seines Bestehens kam der Hashtag auf über 58.000 Tweets. Sogar die "New York Times" berichtete über die ihrer Ansicht nach vom deutschen FDP-Politiker Rainer Brüderle losgetretene Diskussion über Sexismus. Dabei hatte der laut den Initiatorinnen nur bedingt etwas mit der Entstehungsgeschichte der Kampagne zu tun.

Der Reihe nach: Brüderle wurde von der "Stern"-Journalistin Laura Himmelreich an ebenjenem 24. Jänner 2013 in einem mit "Der Herrenwitz" betitelten Artikel vorgeworfen, ihr beim Dreikönigstreffen der FDP - rund ein Jahr vor Erscheinen des Artikels - mit den Worten "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen" auf den Busen gestarrt zu haben.

Erweiterung der Debatte

Brüderle hat sich bis heute nicht zu den Vorwürfen geäußert, ist für die #aufschrei-Macherinnen aber ohnehin nur eine Randerscheinung in der Entstehungsgeschichte ihrer Twitter-Aktion: "Was auf Twitter losgegangen ist, entstand vollkommen losgelöst von dem, was in den alten Medien am Beispiel Brüderle besprochen wurde. #aufschrei weitete die Debatte nämlich genau auf das aus, was in Zeitungen etc. noch nicht diskutiert wurde: Die alltäglichen Übergriffe, verbal und tätlich, die sich nun mal auf allen Ebenen unserer Gesellschaft zeigen."

Heute, genau ein Jahr nach dem Start der Aktion, beschreiben die Initiatorinnen auf kleindrei.org noch einmal, wie alles begann und bemängeln, dass die eigentliche Stoßrichtung der Debatte "leider schnell unterging". Deswegen legen sie in einem knapp vierminütigen Video "heute wieder den Fokus auf all die mutigen Menschen, die #aufschrei mit ihren Tweets ins Rollen brachten und dort ihre Geschichten teilten".

Nicht allen gefiel das. Unter anderen sprach der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck von Tugendfuror. Einige Männer und auch Frauen hätten #aufschrei "leider als Kollektivschuldzuweisung" missverstanden, heißt es auf kleindrei.org. Wenig überraschend kann Anne Wizorek in ihrer Jahresbilanz denn auch von der Kehrseite des Erfolges berichten: Ein Jahr #aufschrei bedeute nämlich leider auch: "1 jahr beleidigungen, diffamierungen, hassnachrichten per email, twitter, blogkommentare", twitterte sie am Freitag. Trotzdem habe die Aktion Sexismus wieder sichtbar gemacht. (riss, dieStandard.at, 24.1.2014)

  • #aufschrei: Die Twitter-Kampagne gegen Alltagssexismus startete vor genau einem Jahr.
    foto: kleinerdrei.org

    #aufschrei: Die Twitter-Kampagne gegen Alltagssexismus startete vor genau einem Jahr.

Share if you care.