Das Leben ist auf beruhigende Weise lebensgefährlich

Kommentar der anderen23. Jänner 2014, 19:26
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Nicht jeder Effekt ist ein Trend, nicht jeder Trend ein Risiko - manchmal wird einfach nur besser gemessen

In der öffentlichen Wahrnehmung gelten neu entdeckte Trends und Effekte als zusätzliche Belastungen - mit vielem leben wir aber schon sehr lange, und das immer länger, wenn auch nicht unbedingt immer besser.

Bezogen auf die Fahrzeugdichte etwa wurden in Österreich tödliche Verkehrsunfälle in den letzten vier Jahrzehnten um eine ganze Größenordnung reduziert. Diese Entkopplung von Verkehrszunahme und Unfällen mit tödlichem Ausgang (die Anzahl an Unfällen mit Personenschaden weist keinen vergleichbar fallenden Trend auf) beeindruckt und ist das Kind vieler Eltern. Sicherheitsrelevante Investitionen in die Straßeninfrastruktur und strikte Kontrolle der einschlägigen Vorschriften zählen ebenso dazu wie die entscheidend verbesserte Notfallversorgung und ein massiver Fortschritt in der Fahrzeugsicherheit.

Betrachtet man jedoch eine andere Facette des Straßenverkehrs, etwa die Emissionen, so erhält man den Eindruck, der Totengräber Kfz hätte lediglich das Genre gewechselt und sein todbringendes Wirken von der Straße in die Luft verlagert. Unter den Emissionskomponenten nimmt Feinstaub eine prominente Stellung ein. Hausbrand, Landwirtschaft, Industrie zählen neben dem Verkehr zu den Hauptverursachern der Schadstofffracht, die in ihrer Gesamtheit für über 5000 Sterbefälle pro Jahr in unserem Land verantwortlich ist. Der Anteil des Pkw-Verkehrs daran erreicht somit die Größenordnung, die durch Verkehrsunfälle verursacht wird. Feinstaub - ein neuer Killer? Wird die Qualität unserer Luft generell schlechter und schlechter? Beide Aussagen sind falsch.

Feinstaub ist kein neu entstandenes Phänomen, sondern vielmehr ein neu erkanntes, das uns heute messtechnisch zugänglich und toxikologisch interpretierbar ist. Zivilisatorisches Tun ist in hohem Maße verantwortlich für die Generierung von Feinstaub - technologischer Fortschritt und umweltpolitische Maßnahmen zeigen aber auch in diesem Bereich Wirkung: Gemeinsam mit anderen zentralen Luftschadstoffen geht die Feinstaubbelastung in Österreich seit Jahren zurück. Nur weil unsere Erkenntnis um neue Effekte zunimmt, wir Phänomene erschließen und besser verstehen, wird die Belastung nicht automatisch höher.

Das Entstehen von Evidenz zu einem Problem schafft Erkenntnis, nicht das Problem. Wenn wir imstande sind, dutzende Chemikalien in Lebensmitteln, Umweltmedien, ja selbst im Nabelschnurblut nachzuweisen, sind diese Stoffe ja nicht erst jetzt da - wir können ihr Vorkommen eben jetzt belegen. Ständig erheben wir neue Befunde zu Substanzen, ihrem Vorkommen und ihren Effekten. In den Zellen, Organen und Ökosystemen schlummern zudem noch zahllose Effekte und Prozesse, in den Chemikalien noch zahllose Eigenschaften, die noch ihrer Entdeckung harren. Ständig erkennen wir neu, doch wir erkennen vielfach nichts Neues.

Wie ist jedoch ein neuer Effekt einzuordnen? Was richten diese Stoffe in unserem Körper an? Ist nicht ihr bloßes Vorhandensein schon ein Schaden an sich? Und warum werden wir trotz aller neuen bedrohlichen Effekte doch immer älter? Mit Fremdsubstanzen umzugehen gehört zum Kerngeschäft von Lebewesen, das bedingt allein schon der Vorgang der Ernährung.

Um Stoffe abzubauen, umzubauen, unschädlich zu machen oder ihre Effekte zu kompensieren, existiert eine Vielzahl von Mechanismen in Pflanzen, Tieren und Menschen. Natürlich können diese Systeme durch Aggressivität und Menge der Substanzen überfordert werden - Schaden entsteht. Um diesen Bewertungsschritt, um diese Erkenntnis geht es letztendlich, wenn ein neuer Effekt erkannt wird. Risiken abzuschätzen und, wenn geboten, risikoreduzierende Maßnahmen zu setzen: Das sind die Kernelemente der Gesundheits- und Umweltpolitik.

Wir erkennen Effekte immer früher. Es kann aber Jahre dauern, bis abschließend beurteilt werden kann, ob ein neuer Trend auf verfeinerte Beobachtung zurückzuführen ist oder etwa eine Krankheit tatsächlich gehäuft vorkommt - die Belastung also effektiv steigt. Ein Effekt etwa ist für hoch entwickelte Industrienationen bezeichnend: das vermehrte Auftreten von Allergien. Allergisches Asthma hat sich in England und den USA in den letzten 20 Jahren verdoppelt. Neben genetischen Faktoren, Alter und Geschlecht sind es vor allem Lebensstil und Umweltfaktoren, welche an der Entstehung von Allergien beteiligt sind. Bei komplexen Gemengelagen, wie es Ursachengefüge für Zivilisationskrankheiten von Menschen nun einmal sind, gibt es sie fast nie: die einzelne Substanz, die man verbietet, das Nahrungsmittel, das man vermeidet, oder den Emittenten, den man saniert und flugs ist die Gefahr gebannt.

Einfache Ursache-Wirkung-Beziehungen sind rar in der Umweltproblematik. Herausforderung für Verantwortliche wie für Gesellschaft ist, neu erkannte Effekte in die etablierte Risikenlandschaft einzuordnen, das bestehende Instrumentarium zu überprüfen und entsprechende Maßnahmen der Risikobehandlung zu setzen. (Thomas Jakl, DER STANDARD, 24.1.2014)

Thomas Jakl ist Biologe, Erdwissenschafter und stellvertretender Leiter der Sektion für Abfallwirtschaft und Chemiepolitik im Umweltministerium.

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