Wo der Tod an die Arbeit geht

23. Jänner 2014, 18:24
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In Oberösterreich setzen sich mehrere Institutionen mit den Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auseinander - die Landesgalerie Linz aus künstlerischer Sicht: Bilder, die die Gräuel des Krieges verarbeiten

Linz - Oberösterreich war das am weitesten von der Front entfernte Kronland. Folgen und Auswirkungen des Ersten Weltkriegs blieben allerdings ungemindert: Nahrungsmittelknappheit, Krankheiten, Kriegspropaganda und Misstrauen gegenüber "Unpatrioten" waren allgegenwärtig. Künstler und Künstlerinnen (mit Martha Elisabeth Fossel ist eine vertreten) brachten in ihren Arbeiten, wie die Ausstellung in der Landesgalerie Linz zeigt, Ängste und Gräuel dieses Krieges zum Ausdruck und veränderten durch das als Kriegsberichterstatter oder Soldaten Erlebte teilweise radikal Stil und Sprache.

Klemens Brosch, der "nur" 50 Tage an der Front in Galizien verbrachte, verdeutlicht in seinen Tuschezeichnungen unmissverständlich seine Abscheu gegenüber Krieg und Kriegstreibern, aus einer ganz klaren Perspektive: In Der letzte Augenblick zielen vier Soldaten auf das Opfer, bei Brosch der Betrachtende. Der Befehlshaber steht in einigem Abstand daneben, ein zynisches Lächeln aufgesetzt. In Verhungerte Flüchtlinge zeichnet er 1916 aus einer Untersicht ein mit Offizieren besetztes Auto, das an im Straßengraben liegenden toten, verhungerten Zivilisten vorbeifährt.

Karl Hayd, der fast während des gesamten Einsatzes als Kriegsmaler tätig war und realitätsnahe Porträts und nüchterne, grafische Beschreibungen eines Soldatenalltags zeichnete, setzt sich erst nach 1918 mit offenbar verdrängten persönlichen Angsttraumata auseinander: In Tod über Linz und Gas thematisiert er eindrucksvoll einen Gasangriff auf Linz - der allerdings niemals stattgefunden hat. Der Tod selbst tritt als Gerippe auf und verströmt das erstmals eingesetzte Massenvernichtungsmittel. Masse und Uniformität, die anstelle von Persönlichkeit und Individualität treten, sind Themen, mit denen sich alle Betroffenen dieses Krieges auseinandersetzen müssen.

Uniformierte Masse

Albin Egger-Lienz ist mit einer Lithografie vertreten, die diese Uniformität der Massen als reibungslos funktionierende, gnadenlose Kriegsmaschinerie zum Ausdruck bringt: In 1915 verschmelzen die Gesichter von Soldaten zur bewaffneten Mauer.

Einzelne Blätter in der von Gabriele Spindler und Monika Oberchristl kuratierten Schau beschäftigen sich auch mit Kriegspropaganda. Zwischen 1914 und 1916 wurde die Kriegszeit herausgegeben, Künstlerflugblätter, Originallithografien von Max Beckmann, Max Liebermann und Ernst Barlach.

Die "patriotische Reihe" wurde mit fortschreitendem Krieg eingestellt. Und schließlich ist dem Tod als personifiziertem Krieg, als Allegorie auf Sterben, Vernichtung und Kriegsgräuel ein großer Teil gewidmet. Im Kubin-Kabinett, das für diese Ausstellung neu gehängt wurde, ist unter anderem Kubins Mappe Ein Totentanz von 1918 zu sehen, und Karl Reisenbichler (1885-1962) macht in seinem Totentanzzyklus Krieg überhaupt den Tod zum Hauptakteur. Der Kriegsmaler zeichnet den Tod übergroß und beobachtet ihn sozusagen bei der Verrichtung seiner täglichen "Aufgaben", er erwacht, streckt sich und geht an die Arbeit.

Das oberösterreichische Schlossmuseum beschäftigt sich mit Leben und Alltag während des Krieges, Ausstellungen zum Thema Oberösterreich im 1. Weltkrieg gibt es außerdem im Photomuseum Bad Ischl, im Schloss Ebelsberg und in Freistadt. (Wiltrud Hackl, DER STANDARD, 24.1.2014)

  • Klemens Brosch verdeutlicht in seiner Tuschezeichnung "Verhungerte Flüchtlinge, 1916" seine Abscheu vor dem Krieg und dessen Apologeten.
    foto: oberösterreichisches landesmuseum

    Klemens Brosch verdeutlicht in seiner Tuschezeichnung "Verhungerte Flüchtlinge, 1916" seine Abscheu vor dem Krieg und dessen Apologeten.

  • Ein Soldat des Ersten Weltkriegs im Photomuseum Bad Ischl.
    foto: apa/oberösterreichisches landesmuseum

    Ein Soldat des Ersten Weltkriegs im Photomuseum Bad Ischl.

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