Parlamentsbibliothek hütet 2.300 Signaturen mit NS-Literatur

23. Jänner 2014, 19:20
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Nationalratspräsidentin Prammer ließ die Bibliothek 2012 auf geraubte Bücher hin untersuchen

Wien – 67 Jahre nach Ende des Dritten Reiches und immerhin 14 Jahre nach Beginn der Provenienzforschung in Österreich entschloss sich das "Hohe Haus" , die Bestände der eigenen Bibliothek auf geraubte Bücher hin untersuchen zu lassen. Das war im Jahr 2012.

Und es gab triftige Gründe. Die NSDAP hatte das Parlamentsgebäude schließlich ab 1940 als Gauhaus genutzt, untergebracht waren diverse Organisationen, darunter das Gauschatzamt, das Rassenpolitische Amt, das Gauschulungsamt, das Gaugericht, das Gauarchiv und das Sippenamt.

Das "Gauhaus-Erbe" stellte sich gleich nach dem Zweiten Weltkrieg als hoch problematisch heraus: Gustav Blenk, der neue Direktor der Bibliothek, hielt 1946 in einem Schreiben fest, dass es große Bestände gebe, "die in der Nazizeit aus allerlei privaten Bibliotheken zusammengetragen und zusammengeraubt worden waren" . Manches wurde zurückgegeben: Die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) erhielt 480 Werke, die Genealogische Gesellschaft Adler 296 Werke, der SPÖ-Parlamentsclub 62 Werke und das Museum für Volkskunde 74 Werke. Der Großteil aber wurde einsigniert. Das Parlament bereicherte sich also in der Zweiten Republik an Diebsgut – wie es bekanntlich auch die Bundesmuseen taten.

Der "Gauhausbestand"

Im Rahmen der Provenienzforschung untersuchte Harald Wendelin, beauftragt von der Parlamentsdirektion, insgesamt 11.881 Signaturen, die unter dem Blickwinkel des Kunstrückgabegesetzes relevant sein könnten. Zwei Drittel (7.249 Signaturen) stellten sich als unbedenklich heraus.

1429 Signaturen stammen aus dem "Gauhausbestand": NS-Entziehungen seien nicht auszuschließen, könnten jedoch nicht generell vermutet werden. 1884 Signaturen aber weisen eine "bedenkliche Provenienz"  auf, darunter 455 Signaturen, die "vor allem durch Eigentumsvermerke wie Exlibris-Eintragungen – natürlichen Personen und Körperschaften" zuzuordnen sind.

All diese Bücher rückzustellen, scheute man. Denn die ursprünglichen Eigentümer sind etwa Einrichtungen des Ständestaates, darunter die Kapellmeister-Union Österreichs, der Bundeskommissär für Heimatdienst, der Österreichische Verband: Familienschutz und die Vaterländische Front.

Zunächst wurden daher nur die hieb- und stichfesten Fälle behandelt. Am 21. Juni 2013 empfahl der Kunstrückgabebeirat, 29 Signaturen zu restituieren – an 20 Rechtsnachfolger von Personen und Institutionen, die in der NS-Zeit aus rassischen oder politischen Gründen verfolgt worden waren, darunter Lily und Edwin Bader, Richard Beer-Hofmann, Auguste Goldschmid, Siegfried Graubart, Robert Holzinger, Ida Schnürer, Israel Taglicht, Hugo Tannenbaum, Edmund Weber, die IKG und die legitimistische Schwarz-Gelbe Aktion der Jugend im Reichsbund der Österreicher.

Nationalratspräsidentin Barbara Prammer ließ sogleich eine Aussendung veröffentlichen. Sie begrüße die Restitution, die Bücher seien "so rasch wie möglich zurückzugeben" . Man habe bereits Hinweise auf die Erbinnen nach Lily Bader; Barbara Prammer würde sich sehr freuen, diesen das einst gestohlene Buch mit politischen Briefen von Kronprinz Rudolf "persönlich zu übergeben" .

"Adolf-Hitler-Lieder"

Die Präsidentin erwähnte auch die geleistete Arbeit von Wendelin und die Dokumentation der Ergebnisse. Das wirklich spannende Ergebnis im Zuge der Provenienzforschung aber verschwieg sie:

Es wurde ein umfangreicher Bestand an "NS-affiner"  Literatur identifiziert, der aus 2.294 Signaturen besteht. Das dürften etwa 50 Laufmeter sein. Der überwiegende Teil (2.069 Signaturen) stammt aus dem Gauhaus, ein geringer Teil (225 Signaturen) wurde von der Bibliothek nach 1938 – so lange sie noch als selbstständige Einrichtung bestand – regulär erworben. Es handelt sich um Propagandaliteratur, Hetzschriften und pseudowissenschaftliche Arbeiten mit rassistischen Inhalten.

Hinzu kommen die Bestände des Deutschen Klubs, der nach dem "Anschluss"  zwangsweise aufgelöst wurde – und daher von Wendelin in das Konvolut mit den "geschädigten Personen und Körperschaften"  aufgenommen wurde. Unter den 331 Signaturen finden sich u.a. Machwerke wie Rassenkunde des deutschen Volkes oder Die Sklaverei, ihre biologische Begründung und sittliche Rechtfertigung oder Die Judenfrage als Frage des Rassencharakters und seiner Schädlichkeiten für Existenz und Kultur der Völker oder Adolf-Hitler-Lieder aus der Ostmark.

"Der umfangreiche Bestand an NS-Literatur"  sei zwar aus Sicht der Provenienzforschung un-problematisch, so Wendelin in seinem unter Verschluss gehaltenen Endbericht. Es erscheine allerdings empfehlenswert, "diesen – für die Parlamentsbibliothek völlig irrelevanten, aber wissenschaftlich interessanten – Bestand"  zu ordnen und zu erschließen oder ihn an eine Einrichtung abzugeben, die sich mit der Erforschung des Nationalsozialismus bzw. einem seiner Aspekte beschäftigt" . Mögliche Abnehmer könnten das Institut für Zeitgeschichte, das Widerstandsarchiv oder die Nationalbibliothek sein.

Doch bisher passierte nichts. Es wurde seit dem Juni 2013 nicht ein einziges Buch zurückgegeben. Man arbeite mit dem Nationalfonds zusammen, aber die Erbensuche sei schwierig, sagt man. Selbst im Falle Lily Bader. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 24.1.2014)

  • Diverse frührere Dritte Nationalratspräsidenten hätten vielleicht ihre Freude damit haben können: In der Parlamentsbibliothek befinden sich etwa 50 Laufmeter mit NS-Literatur.
    foto: standard/cremer

    Diverse frührere Dritte Nationalratspräsidenten hätten vielleicht ihre Freude damit haben können: In der Parlamentsbibliothek befinden sich etwa 50 Laufmeter mit NS-Literatur.

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