Stiglitz: "Das System ist weiterhin instabil"

Interview23. Jänner 2014, 17:29
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Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz sieht in Europa noch viele Probleme

STANDARD: Es herrscht plötzlich wieder Optimismus in Europa. Ist die Krise in der Eurozone überwunden?

Stiglitz: Es ist richtig, den Weg aus der Rezession zu feiern: von negativem zu positivem Wachstum. Aber die Prognose für 2014 mit rund einem Prozent Wachstum ist kein Erfolg, das ist kein Sieg. Und der Schaden, der in den vergangenen fünf Jahren entstanden ist, der ist nicht repariert.

STANDARD: Was sind die größten Probleme?

Stiglitz: Das Faktum ist, dass die Jugendarbeitslosigkeit in Europa bei 25 Prozent liegt und in Spanien sogar bei 50. Das ist das größte Problem. Die reale Gefahr ist, dass diese Bewegung von einem negativen zu einem bescheidenen positiven Wachstum zum Nichtstun verleitet. Vor zehn Jahren, wenn man gesagt hätte, Europa hat ein Prozent Wachstum, wären die Reaktionen gewesen: Schrecklich! Jetzt ist die Reaktion: Sieg! Offensichtlich lagen die Dinge so schlecht, dass alles gleich positiv gesehen wird.

STANDARD: Was kann man gegen die Jugendarbeitslosigkeit unternehmen?

Stiglitz: Der einzige Weg, das zu bekämpfen, ist, die Nachfrage zu erhöhen. Das über allem liegende Problem ist: Es gibt einen Mangel an Nachfrage. Dazu kommen auch noch weitere strukturelle Probleme in Europa.

STANDARD: Welche?

Stiglitz: Europa braucht eine Bankenunion. Eine Währungsunion ohne eine Bankenunion macht überhaupt keinen Sinn.

STANDARD: Aber es gibt bereits konkrete Schritte in diese Richtung.

Stiglitz: Ja, aber sehr, sehr langsam. Man braucht nicht nur eine gemeinsame Bankenaufsicht, es muss auch eine Art gemeinsame Versicherung geben. Und vor allem: Die Geschwindigkeit ist zu langsam. Solange das geschieht, wird weiterhin Geld aus den wirtschaftlich schwächeren Ländern abgezogen. Das Geld wandert in die stabileren Länder. Damit gibt es weiterhin Probleme in Ländern wie Spanien und Portugal.

STANDARD: Sehen Sie weiter die Gefahr eines Auseinanderdriftens der Währungszone?

Stiglitz: Das ist genau das Problem durch den Geldfluss. Entweder man schafft einen Ausgleich, um die Differenzen auszugleichen, oder es bleibt so. Das System ist weiterhin unstabil. Es bleibt noch viel zu tun. (Alexandra Föderl-Schmid aus Davos, DER STANDARD, 24.1.2014)

Joseph Stiglitz (70), ehemaliger Chefökonom der Weltbank und Wirtschaftsberater von US-Präsident Bill Clinton, unterrichtet derzeit an der Columbia University. Für seine Arbeit über Informationslücken am Markt erhielt er 2001 den Wirtschaftsnobelpreis.

  • Der US-Amerikaner Joseph Stiglitz dämpft den Optimismus der Europäer: "Das ist kein Erfolg, das ist kein Sieg."        
    foto: ap/anja niedringhaus

    Der US-Amerikaner Joseph Stiglitz dämpft den Optimismus der Europäer: "Das ist kein Erfolg, das ist kein Sieg."        

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