Eine Musik, die mit Leidenschaft vom Wahn erlöst

23. Jänner 2014, 18:50
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Tenor Michael Schade, an der Wiener Staatsoper bei der Premiere von "Rusalka" als Prinz zu hören, über die Opernjagd nach Liebe und sein Festival in Melk, das auch Nikolaus Harnoncourt beehrt

Wien - Die Prinzen-Rolle an sich ist für Michael Schade nichts Neues. Er kann es wohl auch nicht mehr hören, er sei der Mozart-Tenor unserer Tage. Auch wenn er allein an der Wiener Staatsoper den Tamino aus der Zauberflöte an die vierzigmal gegeben hat - und all die anderen einschlägigen Mozart-Partien dazu: Längst hat sich das Repertoire des kanadisch-deutschen Künstlers weiterentwickelt, und in den letzten Jahren mit wachsendem Tempo.

Im Frühjahr 2013 gab Schade etwa im Theater an der Wien unter Dirigent Nikolaus Harnoncourt erstmals den Florestan aus Fidelio; im Herbst debütierte er in Hamburg in der Titelpartie von Brittens Peter Grimes. Und auch andere Klassiker des 20. Jahrhunderts von Richard Strauss bis Alban Berg gehören - inzwischen zum Teil seit Jahren - für ihn zum gesicherten Terrain.

Im Vorfeld der sonntägigen Wiener-Staatsoper-Premiere von Antonín Dvoráks Rusalka meinte der Sänger jedoch, aller Tamino-Erfahrung zum Trotz: "Es gibt nichts Schwierigeres, als einen Prinzen zu spielen, vor allem diesen Rusalka-Prinzen. Ich nenne ihn liebevoll 'Princ Skoda' (tschechisch: Prinz Schade, Anm.), obwohl ich glücklicherweise sagen darf, dass er mit meinem realen Leben nichts zu tun hat."

Die Last der Zukunft

Worin liegt denn die Schwierigkeit der Rollendarstellung? "Prinzen sind wartende Menschen, die halt Prinzen sind, und nichts dafür können, dass sie oft gelangweilt sind. Man kann da heute einige Beispiele finden, die zeigen, wie viele von ihnen mit der Last der Zukunft nicht gut klarkommen und schreckliche oder selbstzerstörerische Menschen werden." Dass der Tenor Verbindungen zwischen den gespielten Werken und der aktuellen Realität herstellt, ist für ihn ebenso selbstverständlich, wie in den märchenhaftesten Opernstoffen ziemlich handfeste Botschaften zu entdecken.

So auch hier: "Die Moral von Rusalka ist: 'Wünsche dir nicht, etwas zu sein, was du nicht sein kannst.' Und vom Prinzen lernt man: 'Das Jagen nach der Liebe ist tödlich und ein schreckliches Spiel'. Er sucht ein Ideal, das er nicht findet - selbst in Rusalka nicht. Er endet als ein Zerrissener und jemand, der eigentlich den Freitod sucht und der - glücklicherweise? - Rusalka am Ende damit erlöst. Oder bringt sie ihn um?"

Ein tolles Team

Ist es denn überhaupt möglich, all diese Gedanken auf die Bühne zu bringen? Schade bejaht diese herausfordernde Frage: "Dank des tollen Teams mit Rolf und Marianne Glittenberg, die Bühnenbild und Kostüme entwarfen, und Regisseur Sven Erich Bechtolf haben wir es geschafft, diesen Menschen genau so zu schildern. Es ist faszinierend, diesen Charakter so zu sehen, auch wenn es schwierig ist, ihn so zu spielen." Dvoráks Musik sei dabei freilich hilfreich: "Sie ist voll von heldischer Leidenschaft, die ihn am Ende von seinem Wahn erlöst und die ihn ins Elysium versinken lässt. Ein Tod wie der von Werther, eine Erlösung. Diese ist leider nicht so rein wie die von Schuberts Müllerburschen, sondern ein Ende, das weniger mit Mut und Noblesse zu tun hat als mit dem Aufgeben der Suche nach dem vollkommenen Frauenbild. Dennoch ist es eine tolle Zwischenfachrolle, zum Niederknien!"

Man kann Michael Schade derzeit nicht treffen, ohne auch auf die Barocktage Stift Melk zu sprechen zu kommen, wo er seit dieser Saison als künstlerischer Leiter firmiert - allerdings nicht nur mit seinem Namen, sondern als Verantwortlicher für das gesamte Programm: "Ich bin ja nicht nur ein Sänger, der gerne singt, sondern auch einer, der gerne kulturell mitdenkt und mitmischt!"

Froh über Harnoncourt

Das Festival (das von 6. bis 9. Juni stattfindet) richtet sich dabei nicht nur an "Kenner und Liebhaber" - so das Motto für ein Konzert zum 300. Geburtstag von Carl Philipp Emmanuel Bach -, es könnte in den nächsten Jahren zudem auch eine nachhaltige Weichenstellung vornehmen, wie Schade erzählt: "Ich bin besonders stolz, dass Dirigent Nikolaus Harnoncourt bei uns nicht nur musizieren wird, sondern dass wir zusammen ein Gespräch mit den Barocktagen eingefädelt haben, um über die weitere Zukunft seines Concentus Musicus nachzudenken. Das Ehepaar Harnoncourt steht da voll hinter uns, wir sind im ständigen Gespräch."

Insgesamt soll das Melker Programm alle Sinne ansprechen: "Es geht uns darum, nicht nur zu hören, sondern im barocken Sinne ein großes Ganzes zu erleben. Wer wissen will, was ich damit meine, muss unbedingt nach Melk kommen - und am besten gute Schuhe anziehen!" Und in jedem Fall die Zeit bis dahin mit Schade als Staastopernprinzen überbrücken. (Daniel Ender, DER STANDARD, 24.1.2014)

"Rusalka" ist an der Wiener Staatsoper am 26. und 30. 1., sowie am 3., 6. und 9. 2. zu hören.

  • Tenor Michael Schade in der Wiener-Staatsoper-Version von Antonín Dvoráks Oper "Rusalka" (Regie führt Sven-Eric Bechtolf).
    foto: apa/georg hochmuth

    Tenor Michael Schade in der Wiener-Staatsoper-Version von Antonín Dvoráks Oper "Rusalka" (Regie führt Sven-Eric Bechtolf).

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