Herr Lee kauft sich eine kleine Welt

26. Jänner 2014, 12:02
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Fantastische Geschichten aus der Welt der Werbung. Heute die Kampagne von Dolce & Gabbana: Was sich Herr Lee auf Miramondo-TV anschaut

Mittwochs war auf Miramondo immer Markttag. Das hatte Pi Lee, der Besitzer der Anlage, so angeordnet. Der mittlerweile schon etwas betagte Sprössling einer südkoreanischen Großindustriellenfamilie hatte im Sale-and-Lease-Back-Geschäft ein Vermögen gemacht: ein zweistelliges Milliardenvermögen, um genau zu sein. Lee hatte die ganz großen und auch die ganz geheimen Deals der Branche eingefädelt: Etwa den Verkauf der wichtigsten US-Staatsimmobilien (Weißes Haus, Kongress, Pentagon) auf dem Höhepunkt der Finanzkrise an ein japanisches Bankenkonsortium, oder den Verkauf der bayerischen König-Ludwig-Schlösser an die Bank of China.

Gerade verhandelte er im Auftrag von Papst Franziskus den Rückmietverkauf des Petersdoms und der zentralen Immobilien des Vatikanstaats an eine saudi-arabische Bankengruppe. Franziskus konnte mit dem ganzen Luxuskrempel nur wenig anfangen und wollte den Erlös in ein gigantisches Sozialprojekt stecken.


Foto: Lukas Friesenbichler

Vor einem Jahrzehnt war Lee auf Sizilien gewesen – es ging um den Verkauf des Ätnas an die Bank of Reykjavik, der sich dann aber letztendlich zerschlagen hatte. Aber dort hatte Lee durch Zufall diese wundervolle, verfallene Ortschaft entdeckt. Der damals 70-Jährige war betört gewesen von den Farben, dem Licht, den Gerüchen... eine Vorstellung von einem Leben jenseits der tiefgekühlten Konferenzzimmer und Hotelsuiten wurde in ihm wach.

Also kaufte er die paar Häuschen und ließ sie von einem brasilianischen Stararchitekten sanieren. Die Immobilien und das ganze Gelände wurden mit Kameras bestückt, des weiteren wurde um die ganze Anlage ein Zaun gebaut. Lee nannte den Ort Miramondo, seine Assistenten sprachen nur vom Pi-Lee-Land. Lee ließ eine Mailänder Agentur zwei Dutzend männliche Models casten (aus Frauen machte er sich nur wenig), die dann jeweils drei Monate auf dem Gelände verbrachten und sizilianische Lebensart simulierten.

Über einen Livestream konnte Lee das Treiben jederzeit verfolgen, und speziell wenn sich die Verhandlungen etwas hinzogen, erfrischte der Koreaner seine Sinne, indem er auf seinem Laptop einige Minuten Miramondo-TV guckte. Ach, wie ihn diese laute, theatralische, und doch nie bösartige Art der süditalienischen Kommunikation immer wieder beglückte...

Lee lächelte leise. Miramondo war definitiv die beste Investition seines Lebens.

(Stefan Ender, derStandard.at, 26.01.2014)

  • Die Kreativität der Werbebranche ist grenzenlos. Genauso wie die Phantasie unseres Autors Stefan Ender. Er denkt sich an dieser Stelle wöchentlich eine Geschichte zu einer aktuellen Werbekampagne aus. Das Magazin mit dem aktuellen Werbesujet wird fotografiert von Lukas Friesenbichler.
    foto: lukas friesenbichler

    Die Kreativität der Werbebranche ist grenzenlos. Genauso wie die Phantasie unseres Autors Stefan Ender. Er denkt sich an dieser Stelle wöchentlich eine Geschichte zu einer aktuellen Werbekampagne aus. Das Magazin mit dem aktuellen Werbesujet wird fotografiert von Lukas Friesenbichler.

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