Der olympische Plan des Regenwurms

23. Jänner 2014, 12:59
262 Postings

Thomas Morgenstern ist nach seinem Sturz am Kulm so weit wiederhergestellt, dass ein Start bei den Olympischen Spielen in Sotschi möglich ist

Klagenfurt - Die Spatzen hatten es nicht gerade von den Dächern der Privatklinik Maria Hilf zu Klagenfurt gepfiffen, aber die allgemeine Aufgeräumtheit in den Gängen, das verschwörerische Lächeln der zum Schweigen verpflichteten Eingeweihten ließen es erahnen, bevor es noch ausgesprochen wurde. Thomas Morgenstern, vor zwei Wochen im Training am Kulm derart gestürzt, dass an seinem Aufkommen zunächst ernsthaft zu zweifeln war, wird in weiteren zwei Wochen seine dritten Olympischen Spiele schmücken.

"Die Olympischen Spiele, da fahre ich hin", sagte der 27-Jährige, dem beim ersten öffentlichen Auftritt nach der verheerenden Brezn beinahe nicht anzusehen war, dass er laut Augenzeugen zunächst wie einer ausgesehen hatte, der gegen einen Lastwagen gelaufen war. Den Augenschein bestätigte Primar Georg Lajtai, der gar von überdurchschnittlich guten neurologischen Befunden schwärmte. "Die physischen und psychischen Komponenten sind auf einer Ebene." Soll heißen: Morgenstern hat den Sturz körperlich völlig verarbeitet und ist auch geistig wieder derart auf der Höhe, "dass wir mit dem Training beginnen konnten". Er könne vorbehaltlos in die Hände der Trainer übergeben werden.

Wenn, dann in Österreich

Morgenstern dankte zunächst seinen Erstversorgern, dem Landeskrankenhaus in Bad Aussee, wo er nach dem Sturz stabilisiert worden war, sowie der Unfallklinik in Salzburg. "Es ist gut, dass mir das bei uns in Österreich passiert ist. Wie haben nämlich super Einsatzkräfte."

Seit seinem Erwachen am Samstagvormittag nach dem Sturz sei tagtäglich etwas weitergegangen. Ich freue mich über die kleinen Fortschritte, bin sehr positiv für die Zukunft."

Die liegt zunächst in Sotschi, wo am 8. Februar mit der Qualifikation für den am Tag darauf stattfindenden Normalschanzenbewerb das olympische Programm der Skispringer anhebt. Morgenstern wird zweifellos am Montag nominiert werden. "Es ist ausschließlich seine Entscheidung", sagte Ernst Vettori, der zuständige Sportdirektor im Österreichischen Skiverband (ÖSV). Der Olympiasieger von 1992 ist vor allem froh, dass Morgenstern völlig gesund wird.

Wie Maier und Lauda

Das Tempo der Genesung - "Ich bin schwer beeindruckt" - kann Vettori wie die Ärzte neben der erstklassigen Versorgung nur auf die außergewöhnliche physische und psychische Konstitution des dreimaligen Olympioniken zurückführen. Vettori zog da Parallelen zu Hermann Maier und Niki Lauda. "Das sind eben Ausnahmeerscheinungen."

Morgenstern attestierte sich selbst die Regenerationsfähigkeit eines Regenwurms. Dazu, so sagte der zuständige Psychologe, sei er eine resiliente Persönlichkeit, die aus Krisen stärker heraus- als hineingehe und die fähig sei, das Trauma des Sturzes in ihre Biografie zu integrieren und die Erinnerung daran ohne körperliche Symptome zu überstehen.

"Dieser Sturz wird wie der 2003 in Kuusamo Teil meines Lebens sein", sagte Morgenstern. Mit dem Sturz die Karriere beenden wollte er jedenfalls nicht. "Das hat keiner verdient." (Sigi Lützow, DER STANDARD, 24.1.2014)

  • "Bevor ich wusste, was los ist, war Olympia in meinem Kopf. Das war von Beginn an ganz wichtig", sagte Morgenstern.
    foto: apa/eggenberger

    "Bevor ich wusste, was los ist, war Olympia in meinem Kopf. Das war von Beginn an ganz wichtig", sagte Morgenstern.

  • Dass er dafür auch vom Kopf her bereit sei, ließ er mit dem von ihm verbreiteten Bild via Twitter wissen.
    foto: privat

    Dass er dafür auch vom Kopf her bereit sei, ließ er mit dem von ihm verbreiteten Bild via Twitter wissen.

Share if you care.