Erholung, aber noch in der Krise

22. Jänner 2014, 19:22
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Optimistischere Einschätzungen zur EU-Wirtschaftslage

Er las ihnen die Leviten: Zum Auftakt des Weltwirtschaftsforums ließ Papst Franziskus den rund 2500 Topmanagern und Politikern in Davos eine Botschaft zukommen. Sie hätten Verantwortung, sich für eine gerechtere Verteilung des Wohlstandes einzusetzen. "Es ist unerträglich, dass Tausende von Menschen weiterhin jeden Tag an Hunger sterben."

Damit knüpfte das Oberhaupt der Römisch-Katholischen Kirche an die Botschaft der Hilfsorganisation Oxfam an, die zuvor Zahlen in Davos veröffentlicht hatten: Die 85 reichsten Menschen besäßen zusammen so viel wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Zumindest via Twitter war die Botschaft des Papstes die am häufigsten weiterverbreitete Nachricht.

Als Mahner betätigten sich auch der Verwaltungsratschef der Schweizer Großbank UBS, Axel Weber, und der frühere Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, Ken Rogoff. Beide traten bei der Debatte mit dem Titel "Ist Europa zurück?" jener Stimmung entgegen, die sich in Davos breit macht: Erleichterung. Von der Eurokrise spricht fast niemand mehr, einige nehmen sogar das Wort "Aufschwung" in den Mund.

Angefeuert wurde dieser Optimismus durch die alljährlich durchgeführte Umfrage des Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsunternehmens PricewaterhouseCoopers (PwC), die für heuer einen unerwartet deutlichen Anstieg der positiven Einschätzungen der Wirtschaftselite zeigt. Von den 1344 Befragten in 68 Ländern zeigten sich 44 Prozent sehr zuversichtlich, dass sich die Lage der Weltwirtschaft bessern werde - vor einem Jahr lag der Wert bei 28 Prozent. Insbesondere in Westeuropa nahm der Optimismus zu.

Die Stimmung in Europa habe sich zwar verbessert, "aber die Erholung ist kein Grund, in Begeisterung zu verfallen", sagte Weber. "Man kann noch nicht sagen, dass Europa schon wieder da ist", lautete die Einschätzung des Harvard-Ökonomen Rogoff. "Nur Deutschland hat sich aus der Rezession und der systematischen Bankenkrise befreit."

Der Chef von WPP, einer der größten Werbefirmen Europas, Martin Sorrell, rechnet Deutschland zu Osteuropa - nur dort gebe es Wachstum. Guiseppe Pecchi, Chef des italienischen Energiekonzerns Eni, sieht dagegen Österreich und die Schweiz in einem Kreis mit Deutschland: Dort herrsche Rechtssicherheit, was für Investoren attraktiv sei.

Der Grund, warum der ehemalige Bundesbanker Weber nicht so optimistisch ist: Die nächste Bankenkrise könnte bevorstehen. Die Bilanzen von 130 Banken in Europa werden demnächst von der EZB geprüft, die Ergebnisse im November veröffentlicht. Dies könnte zu neuer Unsicherheit führen. "Es werden wieder die Staaten sein, die den Banken frisches Kapital geben müssten", sagte Weber. Die Finanzmärkte seien dazu noch nicht bereit.

Als das größte Problem identifizierten alle am Podium die Arbeitslosigkeit. Die Jugendarbeitslosigkeit sei Europas zentrales Problem, sagte Rogoff. (Alexandra Föderl-Schmid aus Davos, DER STANDARD, 23.1.2014)

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