Charles wird ein bisschen königlicher

23. Jänner 2014, 05:30
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Im britischen Königshaus erhält Prinz Charles mehr Einfluss und Verantwortung. Gerüchte über die Abdankung der Königin werden dementiert. Ein Buchmacher in Windsor nimmt vorerst dennoch keine Einsätze mehr für einen Wechsel auf dem Thron an

Wettbüros gelten in England als Umschlagplätze für heikle Nachrichten. Dementsprechend elektrisiert reagierte der Buchmacher Coral, als ein Unbekannter in der Filiale von Windsor eine ungewöhnlich hohe Summe aufs Spiel setzte: 200 Pfund lautet der Einsatz, 600 Pfund (730 Euro) wären der Gewinn, wenn Elizabeth II bis zum Jahresende abdankt.

Da in Windsor das Lieblingsschloss der Monarchin liegt, seien Wetten rund ums Königshaus dort normalerweise "punktgenau", sagte eine Firmensprecherin. Prompt klappte Coral das Wettbuch zu, weitere Einsätze werden nicht entgegengenommen.

Die Queen und Abdanken? Bei Hofe erntet man auf solche Fragen bestenfalls ein müdes Lächeln, gern auch klare Dementis. Im konkreten Fall handelte es sich wohl um ein Missverständnis. Denn tatsächlich findet sich an der Seite der kürzertretenden 87-Jährigen in Amts- und Repräsentationspflichten zunehmend ihr Sohn und Thronfolger Charles.

Keine Übernahme

Dieser Tage sorgt zudem eine Umstrukturierung der Pressearbeit für Aufsehen. Wofür es bisher zwei rivalisierende Stäbe gab, wird künftig unter einem Dach erledigt. Die Leitung übernimmt die bisherige Sprecherin des Prinzen. Im Buckingham-Palast spricht man vornehm von "einem Übergang, keiner Übernahme". Tatsächlich haben Königin und Prinz weiterhin je eigene Privatsekretäre als Behördenleiter.

Ausländer haben schon seit längerem mit Charles und dessen zweiter Gattin Camilla vorliebnehmen müssen. Im November durfte der 65-Jährige sogar anstelle seiner Mutter dem Treffen der 53 Mitgliedsländer des Commonwealth vorsitzen, des weltweiten Klubs früherer britischer Kolonien. Auch im Inland lässt sich die Königin bei offiziellen Anlässen wie Ordensverleihungen immer häufiger von ihrem Ältesten vertreten. Bei der letzten Thronrede zur Eröffnung des Parlaments traten die beiden gemeinsam auf.

Letzte Auslandsreise

So soll es auch im Juni sein, wenn die Queen die Gedenkfeiern zum 70. Jahrestag der Invasion in der Normandie erleben will. Dies könnte die letzte offizielle Auslandsreise der dann 88-Jährigen sein, hieß es in Londoner Medien. Trotz ihrer robusten Gene - ihre Mutter, Queen Mum, brachte es auf 101 Jahre - muss auch die Königin ihrem Alter Tribut zollen. Vergangenen Frühling war sie wochenlang immer wieder krank.

Hinzu kommt die Sorge um den zunehmend fragilen Prinzgemahl Philip, 92. Dass die derzeit auf dem Wintersitz Schloss Sandringham weilende Königin zugunsten des Thronfolgers abdanken könnte, glaubt in London und Windsor außer dem Wettbegeisterten kaum jemand. Zu tief sitze in Elizabeth das Trauma der Abdankungskrise von 1936, als ihr Vater als George VI seinem Bruder Edward VIII auf den Thron folgen musste.

So übt sich der am längsten amtierende Kronprinz Englands im "Job-Sharing" mit der Mutter. Dazu passt auch der Landwirtschaftskurs, den Prinz William, 31, an der Uni Cambridge absolviert. Wenn Charles künftig wegen Staatsgeschäften weniger Zeit für den Öko-Bauernhof hat, weiß er die Verwaltung der Duchy of Cornwall in guten Händen. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 23.1.2014)

  • Prinz und Königin bei der Queen's Speech im vergangenen Mai.
    foto: reuters/jon bond

    Prinz und Königin bei der Queen's Speech im vergangenen Mai.

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