Swap 4175: Nur verkauft, nicht vertrieben

22. Jänner 2014, 17:37
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Bawag hatte nicht Ressourcen, um Derivat zu kennen – Keine Marktbewertung erfolgt

Wien – Am Freitag geht der Zivilprozess Bawag gegen Stadt Linz weiter. Gesprächsstoff liefern dort Informationen aus einem anderen Verfahren – die Staatsanwaltschaft ermittelt ja gegen damalige Bawag-Mitarbeiter wegen Verdachts des Betrugs und der Beitragstäterschaft zur Untreue. Die Bank ist dem Auskunftsersuchen der Anklagebehörde kürzlich nachgekommen und hat ihre Sicht dargelegt. Der Sukkus, vereinfacht gesagt: Die Bawag konnte die Stadt gar nicht getäuscht haben, weil sie keine näheren Informationen über das Geschäft hatte.

Zur Erinnerung: 2007 verkaufte die Bank den Linzern einen Zins-Währungstauschvertrag, um eine Anleihe in Franken abzusichern. Der Anstieg der Schweizer Währung hatte für die Stadt katastrophale Folgen, es droht ein Schaden von 500 Millionen Euro. Während am Handelsgericht u. a. dar­über gestritten wird, ob das Geschäft rechtskonform war, ermittelt die Staatsanwaltschaft wie berichtet gegen vier Personen aus dem Umfeld der Bawag, darunter der jetzige Chef der Bankenaufsicht in der Notenbank. Der zentrale Verdacht: Linz sei vorsätzlich nicht über Risiko und negativen Anfangswert informiert worden.

In ihrer Stellungnahme weist die Bank den Verdacht zurück. Der negative Marktwert – vom Gerichtsgutachter mit rund 20 Millionen Euro beziffert – sei „gleich aus mehreren Gründen unrichtig", heißt es in der von Lansky, Ganzger & Partner für die Bawag verfassten Antwort an die Staatsanwaltschaft. Hauptsächlich stützt sich das Schreiben darauf, dass man gar keine Marktwerte berechnet und deshalb das Bewusstsein einer vorsätzlichen Handlung gefehlt habe.

Maßgeschneiderter Swap

Was Beobachter aufschlussreich finden: Eine Bank, die Preis und Wert ihrer Produkte nicht kenne, könne leicht in Konflikt mit der Aufsicht geraten, meint ein Kenner der Materie. Die Bawag sieht keine Verfehlung: "Wenn Einzelbestandteile einer komplexeren Struktur bereits analysiert und bewertet wurden, ist es nicht erforderlich, jede Neustrukturierung einem neuerlichen Produkteinführungsszenario zu unterwerfen." Die durchgeführte "Approximation" sei völlig ausreichend.

Überdies habe die Bawag damals "gar nicht über die Ressourcen verfügt, um selbstständig solche Derivatprodukte entwickeln zu können", heißt es in der Stellungnahme. "Aller Wahrscheinlichkeit nach" sei der Swap "von einer der großen US-Investmentbanken entwickelt" worden.

Außerdem sei der Swap nach den Vorgaben der Stadt Linz "maßgeschneidert" worden. Die Risikoevaluierung obliege bei einem professionellen Kunden Selbigem. Und – ebenfalls bemerkenswert: Das Derivat sei „nur zum Verkauf angeboten", aber "nicht vertrieben". Was die Bank damit meint? Der Swap sei nicht aktiv vermarktet, sondern quasi passiv auf Kundenwunsch an den Mann gebracht worden.

Dass es kaum eine Dokumentation zu dem Swap gibt, hängt laut Schriftsatz mit den "branchenüblichen Gepflogenheiten" zusammen: Die für Zinsen, Fremdwährung und Sales zuständigen Teams hätten sich viele Informationen zugerufen. (Andreas Schnauder, DER STANDARD; 23.1.2014)

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