Der Islam als Biotop, in dem Gewalt blüht?

Leserkommentar22. Jänner 2014, 17:27
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Eine kritische Replik auf einen Kommentar von Eric Frey

Kommentare oder Artikel wie der "düstere Halbmond" von Eric Frey sind zunächst vor allem eines: irreführend. Da werden eine Vielzahl von "Fakten" in einer Art Rundumschlag aufgezählt – von Libyen bis Pakistan, von Afrika bis zur Türkei versinkt nun ein islamischer Staat nach dem anderen in "Gewalt, Repression oder Bürgerkrieg" und zieht seine Nachbarn mit sich.

Unerwähnte Strömungen

"Der Islam" bildet solcherart scheinbar eine Klammer, die zwar "als Religion [...] an diesen Entwicklungen selbst keine Schuld" trage, doch, so der Autor, "das Biotop" bilde, "in dem Radikalität, Sektarismus und Repression florieren und Ideen sich rasch ausbreiten". Unerwähnt bleiben die Vielzahl der unterschiedlichen Glaubensrichtungen und Strömungen innerhalb des Islam; dass die politischen und ökonomischen Situationen nicht unterschiedlicher sein könnten ebenso.

Eine Ordnung der Welt in große und miteinander in Konflikt tretende "Kulturkreise" und Weltreligionen ist spätestens seit Samuel Huntington mehrfach widerlegt worden. Natürlich, für einige Leser_innen wäre dies eine einfache und daher wohl willkommene Ordnung der Welt und der Dinge. Dumm ist nur, dass die Realität komplexer ist (was in Bezug auf den Nahen Osten auch alle wissen, die gelegentlich Gudrun Harrers Kommentare lesen).

Selbstverständlich gibt es in all den aufgezählten Ländern große soziale, politische, wirtschaftliche Probleme. Doch hier die Religion als Klammer zu sehen, ist populistisch: Es gibt viele so genannte "failed states" ohne Einfluss des Islam – von Haiti bis Papua Neuguinea, ganz zu schweigen von einigen Staaten südlich der Sahara, die Frey (mit dem Südsudan als einziger Ausnahme) als positive "Beispiele für politische Vernunft und Wachstum" anführt. Das ist zwar angesichts der sonstigen negativen Berichterstattung über das subsaharische Afrika erfreulich, aber in diesem Zusammenhang doch eher weit hergeholt.

Der Islam ist nicht schuld

Auf der anderen Seite liegen einige Länder der "islamischen Welt" weder politisch noch wirtschaftlich danieder – genannt seien die Emirate, Marokko oder Kuwait. Und für die von Frey angeführten islamischen Länder gilt: Für die Probleme, Krisen und Miseren in einigen islamischen Ländern ist nicht "der Islam" verantwortlich, sondern jeweils ein Bündel von Ursachen – darunter Macht- und Partikular-Interessen, koloniale und neokoloniale Erfahrungen, geostrategische Verstrickungen. Beispielsweise tragen für die Probleme Syriens machtpolitische Interessen zwischen Russland, dem Iran und Saudiarabien die Hauptverantwortung; die USA und die EU schauen zu und liefern Waffen.

Artikel wie dieser sind jedoch nicht nur irreführend, sondern auch gefährlich: Sie schüren die Angst vor einer vermeintlichen Bedrohung durch "den Islam". Und diese unbestimmte – und darum umso gefährlichere – Angst wird im Artikel dann direkt auf Europa projiziert, das "der Gefahr einer unkontrollierbaren Migration von außen und der Radikalisierung im Inneren ausgesetzt" scheint.

Einfach heruntergebrochen bedeutet das also, aufgrund des Islams versinkt die Welt im Chaos und dann wollen "die" auch noch alle zu "uns". Und die, die schon da sind, werden auch immer radikaler, sogar wenn sie schon Europäer_innen sind. Der Islam ist also gefährlich – egal wo.

Solch eine Botschaft schürt bei den einen die Angst und Vorurteile – bei Betroffenen aber Ohnmacht, Traurigkeit und wohl auch Wut. Denn immer als potentiell gefährlicher "Anderer" gesehen zu werden, ist sicher frustrierend. Oder müssen Christ_innen sich dauernd für die Positionen ihrer ganzen Kirche (inklusive aller Glaubensrichtungen) und all ihrer Gläubigen (inklusive aller Verbrecher_innen) rechtfertigen? Eine Qualitätszeitung wäre solchen Strömungen gegenüber aufgefordert, zu hinterfragen, statt allzu einfache Erklärungen unkommentiert zu verbreiten. (Leserkommentar, Ingrid Thurner, Heidemarie Weinhäupl, Margit Wolfsberger, derStandard.at, 22.1.2014)

Ingrid Thurner, Heidemarie Weinhäupl und Margit Wolfsberger arbeiten bei der Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung.

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