Schräger Vogel: Ein "Wiederkäuer" mit Krallenfingern

2. Februar 2014, 17:29
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Ursprung des einzigartigen Hoatzins dürfte geklärt sein: Südamerikanischer Vogel soll aus der Alten Welt stammen

Frankfurt - Der auch "Stinkvogel" genannte Hoatzin (Opisthocomus hoazin) ist buchstäblich ein Fall für sich: Mag der 60 bis 70 Zentimeter lange und fast ein Kilogramm schwere Vogel aus Südamerika äußerlich auch an einen Hühnervogel mit auffälliger Haube erinnern, so sieht es in Wahrheit etwas komplizierter aus. Einige einzigartige anatomische Züge haben dazu geführt, dass man den Hoatzin in eine eigene Ordnung gestellt hat, die Opisthocomiformes. Als einzigen lebenden Vertreter der einzigen Gattung dieser Ordnung.

Ungewöhnliche Eigenschaften

Zu diesen Besonderheiten gehört, dass der Hoatzin der einzige "Wiederkäuer" unter den Vögeln ist oder zumindest eine ähnliche Verdauungsmethode anwendet wie die Wiederkäuer unter den Säugetieren. Mit einem ungewöhnlich großen Kropf verdauen die pflanzenfressenden Vögel ihre Nahrung vor, bevor sie in Magen und Darm weiter aufgeschlossen wird. Das funktioniert, ähnlich wie im Pansen einer Kuh, mit Hilfe einer eigenen Bakterienfauna, welche die pflanzliche Zellulose verdaut. Skelettmerkmale zeigen, dass schon die fossilen Hoatzine in der Alten Welt besonders viel Platz für ihren großen Kropf brauchten.

Dazu kommt noch eine weitere Besonderheit: Die Küken haben Krallen an den Flügeln, mit deren Hilfe sie im Geäst klettern können. Zumeist bilden sich diese Krallen im Verlauf der körperlichen Entwicklung zurück - manchmal sind sie aber auch noch bei erwachsenen Tieren vorhanden.

Import aus der Alten Welt

Welche Vogelgruppe am nächsten mit dem Hoatzin verwandt ist, konnte bis heute nicht geklärt werden - im Rennen waren vor allem Hühnervögel, Kuckucke und die afrikanischen Turakos. Dafür haben Forscher nun den geografischen Ursprung des heute nur noch im tropischen Norden Südamerikas vorkommenden Vogels entschlüsselt. Wie das Senckenberg-Forschungsinstitut berichtet, stammen die Hoatzine aus der Alten Welt.

Bis vor kurzem galt ihre heutige Heimat auch als Ursprungsort dieser Vögel. Dann wurden jedoch Fossilien aus Afrika beschrieben, und neue Funde aus Afrika und Europa belegen nun endgültig, dass Hoatzine aus der Alten Welt nach Südamerika gelangten. Paläoornithologen der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und der Flinders-Universität in Adelaide berichten in der Fachzeitschrift "Naturwissenschaften", dass Hoatzin-Vorfahren vor etwa 34 Millionen Jahren in Europa lebten.

Die bisher ältesten dem Hoatzin zugeordneten Fossilien wurden schon vor über 100 Jahren gefunden, allerdings erst viel später richtig zugeordnet. Sie stammen aus der Nähe von Paris. Erst jetzt wiesen Paläoornithologen nach, dass es sich dabei eindeutig um Vorfahren des Hoatzins handelt. Die Fossilien gehören zu einer bisher unbekannten Art aus dem späten Eozän, die als Protoazin parisiensis ("Pariser Ur-Hoatzin") beschrieben wurde. Eine weitere, in der ornithologischen Fachzeitschrift "The Auk" erschienene, Studie erbrachte zudem erstmals den Nachweis weitgehend "moderner Hoatzine im Afrika des Miozän, also vor etwa 15 Millionen Jahren.

Auf dem Rückzug vor gefährlichen Räubern

Die Forscher werten die Funde auch als Hinweis darauf, dass Hoatzine in Europa deutlich früher ausgestorben sind als in Afrika. Möglicherweise hängt das Verschwinden dieser Vögel mit einer markanten Faunenverschiebung vor knapp 34 Millionen Jahren zusammen. Etwa 60 Prozent der damaligen Säugetiergattungen starben bei dieser "Grande Coupure" aus - unter anderem verschwanden die Primaten fast vollständig aus Europa. Kurz nach der Periode, aus welcher die europäischen Hoatzin-Fossilien stammen, wanderten dafür zahlreiche neue Tierarten aus Asien nach Europa ein. Darunter waren baumlebende Raubsäuger, welche den Nestlingen der in offenen Nestern brütenden Hoatzine zum Verhängnis geworden sein könnten.

Da zumindest die heutigen Hoatzine nur kurze Strecken fliegen können, sind auch die ausgewachsenen Vögel für manchen Beutegreifer leicht zu fassen. In Afrika sind ähnliche baumbewohnende Raubsäuger erst zu Beginn des Miozäns nachgewiesen worden. Südamerika hingegen scheint ein vergleichsweise sicheres Refugium geblieben zu sein. Vanesa De Pietri von der Flinders-Universität in Australien sieht im Unterschied zwischen der früheren und der heutigen Hoatzin-Verbreitung "ein weiteres eindrucksvolles Beispiel dafür, dass die südamerikanische Vogelfauna zahlreiche Reliktformen enthält, die einst weiter verbreitet waren". (red, derStandard.at, 2.2.2014)

  • Der Hoatzin wirkt wie ein Überbleibsel aus einem früheren Zeitalter - und genau genommen ist er das auch.
    foto: reuters/guillermo granja

    Der Hoatzin wirkt wie ein Überbleibsel aus einem früheren Zeitalter - und genau genommen ist er das auch.

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