Im "Bordell Europas"

Ansichtssache22. Jänner 2014, 16:39
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Wien - Reden hilft: "Wenn man ein bisschen mit ihnen spricht - das macht sie schon lockerer", sagt ein Porno-Fotograf. Noch effizienter sei "vorher ein Glas Alkohol" zu trinken. Einfache Rezepte für billigen Sex erhält Reporterin Christine Grabner in "Am Schauplatz", Donnerstag, 21.05 Uhr, ORF 2, bei ihrer Recherche in österreichischen Bordellen und Saunaclubs zuhauf. Und die felsenfeste Zusicherung, dass alle Frauen freiwillig anschaffen. Zumindest behaupten das Männer.

foto: orf

Die Ordensschwester Silke Mallmann kümmert sich in Kärnten um Frauen im Rotlichtmilieu, was ihr den Spitznamen "Schwester Rotlicht" einbrachte. Mit ihr war Grabner unterwegs, denn in Kärnten herrscht ein regelrechter Bordell-Boom: Im benachbarten Italien und Slowenien ist Prostitution verboten, deshalb weicht die Branche aus. Die Zahl der Sexarbeiterinnen habe sich verdoppelt, Großbordelle wachsen wie die Schwammerl aus dem Boden.

Vergleichsweise kuschelig geht es im Wiener Neustädter Cat Club zu. Dort baut der Bordell-Betreiber persönlich die Betten. Das Bordell ist ein Familienbetrieb, Tochter Simone zuständig für die Abrechnung. "Augen zu und nichts hören", lautet dennoch die Devise von Susi, die im Cat Club arbeitet.

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In Wien besucht Grabner einen Wiener Saunaclub, einen der größten Österreichs. Pro Schicht verkehren bis zu vierhundert Kunden und Prostituierte mit ihren Kunden. Die Männer zahlen 80 Euro Eintritt. Sex kostet extra. "Bei uns ist es wie eine Familie", sagt der Manager.

In Wahrheit sind höchstens vier Prozent freiwillig im Geschäft. Von Dumpingpreisen und Druck auf die Prostituierten, berichtet "Schwester Rotlicht". Der Preisverfall ist massiv, selbst diese Branche spürt die Krise. Getrunken werde nach wie vor in den Puffs, erfuhr Grabner. Aber bei den Frauen sparen die Gäste dann doch.

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"Deutschland und Östereich sind zu den Bordellen Europas geworden", sagt Grabner. "Ärger als diese unkontrollierbare Situation kann es nicht werden." Am schlimmsten sei es am Straßenstrich in Wien, erzählt die Reporterin, "wo ganz offensichtlich ist, dass hinter der Prostituierten der rumänische Zuhälter im Auto aufpasst." Die Polizei habe aus Personalnot Gegenden wie Brunner Straße und Auhofparkplatz schon so gut wie aufgegeben.

"Da frage ich mich schon, warum der Straßenstrich nicht ganz verboten wird", kritisiert Grabner. Sie spricht sich für ein völliges Verbot der Prostitution aus. "Durch das Verbot ändert sich die gesellschaftliche Einstellung zur Prostitution." In Schweden, wo ein Verbot herrsche, würden Männer, die Sex kaufen, als Versager gelten.

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Nach Recherchen über Hypo-Skandal, Telefonbetrug und weiteren Reportagen über das Sexgeschäft begibt sich Grabner somit erneut an die Ränder der österreichischen Gesellschaft. Am überraschendsten dieses Mal ist vielleicht, wie frei von der Leber weg sowohl Freier als Zuhälter vor der Kamera aus dem Nähkästchen plaudern, etwa bereitwillig Auskunft geben, was sie "physisch ausprobieren".

"Das zeigt, dass Prostitution immer mehr in der Mitte der Gesellschaft ankommt", sagt Grabner. Zu sehen etwa am Beispiel eines Wiener Baumeisters im Nobelbordell, der sich überhaupt nicht vorstellen kann, wen es stören soll, "wenn ein Mann, der mit einer Frau schlafen will, etwas dafür zahlt".  (Doris Priesching, DER STANDARD, 23.1.2014)

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