"Schulen für mehr Autonomie noch nicht gerüstet"

Interview23. Jänner 2014, 14:47
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Mehr Autonomie bedeute auch, dass die Schulleiter ein mittleres Management brauchen, sagt Bildungspsychologin Spiel

Wenn Schulen wirklich Autonomie hätten, wäre ein Stufenplan nötig, um die Direktoren mit entsprechenden Ressourcen auszustatten, sagt Christiane Spiel, Bildungspsychologin an der Universität Wien und Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Psychologie. Einige Lehrer könnten sich dann statt der Lehre vermehrt ums Management kümmern, erklärt sie im Gespräch mit derStandard.at - das würde ihnen auch eine Aufstiegsperspektive bieten.

derStandard.at: Direktoren sollen ihr Lehrpersonal in Zukunft selbst online auswählen können. Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek hat das als ersten Schritt zu mehr Schulautonomie bezeichnet. Wie beurteilen Sie diese Ankündigung?

Spiel: Der Ausbau der Autonomie von Schulen ist ein schon seit langem geforderter wichtiger Schritt zur Entwicklung des Bildungssystems. Denn mehr Autonomie bedeutet auch mehr Verantwortlichkeit, und das sollte verstärkt in die Schule kommen. Gleichzeitig wäre es sinnvoll, weniger Detailvorschriften zu erlassen. Zur Schulautonomie gehört natürlich auch, dass man die Mitarbeiter so auswählen kann, dass sie zum Profil der Schule passen.

derStandard.at: Welche Konsequenzen bringt es mit sich, wenn die Schulleiter ihr Personal selbst auswählen können?

Spiel: Längerfristig sollte man einen Stufenplan entwickeln, wie man die Autonomie Schritt für Schritt stärkt, aber gleichzeitig die Beteiligten auch qualifiziert und sie mit den entsprechenden Ressourcen ausstattet. Schulleiterinnen und Schulleitern kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Sie benötigen die entsprechende Leadership- und Managementkompetenz. Wie führe ich Auswahlgespräche? Wie implementiere ich neue Lernkonzepte? Das alles muss längerfristig natürlich auch in deren Aus-, Fort- und Weiterbildung berücksichtigt werden.

derStandard.at: Würden Sie die Schulautonomie in Österreich noch immer als gering einschätzen?

Spiel: In Österreich ist die Schulautonomie sehr stark auf die Lern- und Unterrichtsorganisation bezogen, aber viel weniger auf jene Maßnahmen, die etwa mit der Personalauswahl oder der Ausstattungsorganisation zu tun haben. Sehr wichtig ist, dass Schulautonomie nicht Freiheit bedeutet, sondern immer gepaart ist mit Verantwortung. Denn wenn ich selbst entscheide, muss ich auch die Verantwortung für die Konsequenzen tragen.

Daher kommt den Schulleitern eine besonders starke Bedeutung zu. Momentan sind sie ressourcenmäßig nicht sehr gut ausgestattet, weil die Schulen über kein mittleres Management und kaum administratives Personal verfügen. Wenn Schulen jedoch wirklich Personalautonomie hätten, müssten auch mit den Lehrern Mitarbeitergespräche geführt werden. Für solche Aufgaben sollte zur Unterstützung der Schulleiterinnen und Schulleiter längerfristig ein mittleres Management aufgebaut werden.

derStandard.at: Würde man dafür ebenfalls Lehrpersonal einsetzen beziehungsweise umschichten?

Spiel: Ja, das könnten Lehrpersonen sein, die zusätzliche Aufgaben übernehmen wollen, dafür weniger unterrichten und so einen Beitrag zur Gesamtentwicklung und für die Qualifizierung der Schule leisten. Sie müssten sich dafür entsprechend qualifizieren. Somit hätten Lehrer auch eine Aufstiegsperspektive, die es im Moment kaum gibt, sieht man von der Position des Schulleiters ab. Manche würden also vorwiegend mit Kindern arbeiten, während andere sich verstärkt Organisationsaufgaben oder Mentoring-Tätigkeiten widmen würden. Es gibt viele Dinge, die im Schulbereich zu tun sind. (Elisabeth Kleinlercher, derStandard.at, 23.1.2014)

Christiane Spiel ist Bildungspsychologin an der Universität Wien und Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Psychologie. Sie studierte Mathematik, Geschichte und Psychologie und hat gemeinsam mit ihren Mitarbeitern an der Universität Wien die Bildungspsychologie als wissenschaftliche Disziplin begründet.

  • Christiane Spiel spricht sich für weniger Detailvorschriften und mehr Schulautonomie aus.
    foto: matthias cremer

    Christiane Spiel spricht sich für weniger Detailvorschriften und mehr Schulautonomie aus.

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