Die Schule streitet über Sex

22. Jänner 2014, 16:48
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Eine deutsche Petition gegen die "Akzeptanz sexueller Vielfalt" im Unterricht sorgt für Aufregung: Rund 158.000 Personen haben bislang unterzeichnet, aber auch die Gegner werden immer mehr

Knapp 158.000 Personen hatten die Petition, die Gabriel Stängle im November 2013 auf openpetition.de gestartet hat, bis Mittwochnachmittag unterzeichnet. Knapp 81.000 bekundeten ebenfalls online ihren Unmut über die ihrer Ansicht nach "falsche und vollkommen verquere" Argumentation des deutschen Realschullehrers.

Unter dem Titel "Zukunft - Verantwortung - Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens" will dieser gegen die Pläne des baden-württembergischen Kultusministeriums mobilisieren, wonach künftig auf dem Lehrplan jeder Schule stehen soll, die "Akzeptanz sexueller Vielfalt" zu vermitteln. Soll heißen: Nicht alle Menschen sind heterosexuell. Und das ist gut so.

"Überbetonung einzelner Gruppen"

Eben nicht, befindet Lehrer Stängle und argumentiert unter anderem mit einer "Überbetonung einzelner Gruppen und ihrer Interessen" und einer "höheren Suizidgefährdung unter homosexuellen Jugendlichen" sowie "erhöhter Anfälligkeit für Alkohol und Drogen". Stängle und rund 158.000 weitere Deutsche fürchten eine moralische Umerziehung ganzer Schülergenerationen, das Prinzip der Gesundheitserziehung werde damit unterhöhlt.

Die Unterzeichner der Petition sind in ihrer Wortwahl nicht zimperlich: "Ich unterzeichne diese Petition, weil es mir zwischenzeitlich langsam reicht. Toleranz reicht den Minderheiten nicht mehr? Nein, ich muss es akzeptieren und toll finden!", schreibt einer aus dem Stängle-Lager. Ein anderer will wissen, wie die Umsetzung des Bildungsplans verhindert werden könne: "Lasst die Kinder zu Hause: Wenn alle Heteros, egal wer und wo ... IHRE Kinder zu Hause lassen bei dem Thema in der Schule, wird es ganz schnell abgeschafft. Niemand MUSS gezwungen werden, so was zu lernen." Aber auch viele Kontra-Stimmen nehmen auf der Website Argumentationsraum in Anspruch.

Ganz schön voraus

Während Debatten sonst meist von Deutschland aus nach Österreich herüberschwappen, hat man die Diskussion über das Thema Sexualerziehung hierzulande bereits vorweggenommen: Ende 2012 sorgte ein Unterrichtsbehelf, den der Verein Selbstlaut im Auftrag des Bildungsministeriums erstellt hatte, für Aufregung. Unter dem Titel "Ganz schön intim" können sich Lehrkräfte auf 156 Seiten Übungen und Ideen zu verschiedensten Themen der Sexualerziehung für Schüler ab dem sechsten Lebensjahr herunterladen. Auf Betreiben konservativer Elternvertreter musste die Materialsammlung noch einmal überarbeitet werden - vor allem die Passage zum Thema Leihmutterschaft wurde geändert, der Rest blieb mit ministerieller Unterstützung so wie gehabt.

Seitdem ist die innerösterreichische Debatte über die einzig wahre und richtige Gestaltung des Sexualkundeunterrichts abgeflaut. Nicht jeder wird das begrüßen. Ein deutscher Kontra-Schreiber etwa findet: "Zuerst war ich sauer über die Petition, nun bin ich wahnsinnig froh. Anhand vieler Pro-Argumentationen wird ersichtlich, wie nötig diese Reform des Bildungsplanes ist." (riss, derStandard.at, 22.1.2014)

  • Homosexualität im Fußball, bildlich dargestellt in einer Materialsammlung des Unterrichtsministeriums.
    foto: selbstlaut.org

    Homosexualität im Fußball, bildlich dargestellt in einer Materialsammlung des Unterrichtsministeriums.

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