"Wenn einer in Verschiss gerät, wird alles zum Vorwurf"

Interview22. Jänner 2014, 22:34
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Burgtheaterchef Matthias Hartmann, die ehemalige kaufmännische Direktorin und das Ensemble schweigen zur aktuellen Finanzkrise. Wie sie der Dramatiker Peter Turrini einschätzt, wollte Andrea Schurian wissen

Er ist so etwas wie der Hausautor des Theaters in der Josefstadt und zählt zu den meistgespielten österreichischen Dramatikern überhaupt – nur nicht an der Burg. Matthias Hartmanns Vorvorgänger Claus Peymann brachte noch sechs Stücke von Peter Turrini zur Uraufführung, dessen Nachfolger Nikolaus Bachler immerhin noch eines. Hartmann keines.

STANDARD: Was sagen Sie als Dramatiker und ehemaliger Burgtheaterautor zu dem Finanzskandal im Burgtheater: Stoff für eine Tragödie oder eher ein Boulevardstück?

Turrini: Ich diskutiere mit Ihnen gern über Theaterformen, aber lieber rede ich vom Wahnsinn, der sich derzeit rund ums Burgtheater in der österreichischen Öffentlichkeit abspielt.

STANDARD: Gern. Aber zuerst noch zu dem, was sich in der Burg abspielt. Die ehemalige kaufmännische Direktorin Silvia Stantejsky steht jetzt als alleiniger Sündenbock da, vor allem das Ensemble ist irritiert, dass der Burgchef erst nach einer Betriebsversammlung anerkennende Worte für sie zu finden schien.

Turrini:  Ich kenne Silvia Stantejsky schon seit zwanzig Jahren, noch aus der Peymann-Zeit. Sie hat immer allen geholfen, bis zur Selbstschädigung. Im übrigen glaube ich nicht, dass es zwischen ihr und Hartmann einen Konflikt gibt. Ich habe mit ihr telefoniert und da klang es ganz anders.

STANDARD: Und der Vorwurf, der im Raum steht, sie habe Geld auf ihr eigenes Konto überwiesen.

Turrini: Das glaube ich schon gar nicht. Es wird so sein, wie sie es selbst sagt: Sie hat der Burg Geld geliehen und es dann wieder zurück überwiesen.

STANDARD: Derzeit spricht man von bis zu zehn, zwölf Millionen Euro Verlusten an der Burg ...

Turrini: Wen wundert das? Die Subventionen werden seit Jahren nicht erhöht und die Kosten steigen und steigen. Das muss doch auf Dauer schiefgehen. Der derzeitige Direktor hat das Problem nicht verursacht, er hat es geerbt. Wie seine Vorgänger lebt er von der Hoffnung, dass von irgendwo mehr Geld auftaucht.

STANDARD: Die Burg hat mit beinahe 50 Millionen Euro das höchstdotierte Theaterbudget überhaupt ...

Turrini: ... und sollte noch mehr kriegen. Wovon reden wir hier überhaupt? Österreich möchte eine Kulturnation sein und gibt nicht einmal ein Prozent seines Budgets für Kunst und Kultur aus. Es gibt eine Erhebung, die zwar nicht ganz neu, aber wohl noch immer gültig ist, und die besagt, dass die jährlichen Munitionseinkäufe des österreichischen Bundesheeres über dem Kulturbudget liegen. Das soll eine Kulturnation sein? Nebbich.

STANDARD: Kleinere und mittlere Theater leben oft nur von der Selbstausbeutung.

Turrini: Schrecklich genug. Wenn man bedenkt, dass manche Kulturmanager unverschämt hohe Gehälter bekommen, dann bin ich fürs Umverteilen von oben nach unten. Das Theater selbst, die Aufführungen, egal ob in großen oder kleinen Theatern, müssen besser unterstützt werden. Wenn schon Kulturnation, dann richtig.

STANDARD: Hieße im Klartext: Niedrigere Gagen für die Direktoren der großen Kulturtanker, dafür selbst in Krisenzeiten mehr Subventionen für die Kunst? Zweiteres lässt sich schwer argumentieren, wenn in anderen Bereichen drastisch gespart wird.

Turrini: Auch ich antworte Ihnen im Klartext: Subventionen, die ans Theater gehen, sind keine verschwendeten Steuergelder. Jeder Euro, der für Kultur ausgegeben wird, kommt mehrfach wieder zurück. Fragen Sie doch einen Wiener Taxler, wie viele Japaner und Italiener und andere Gäste er jeden Tag zu den Häusern der Kultur chauffiert. Sie kommen, sie bewundern und lassen eine Menge Geld da. Aber die Kunst ist nicht nur für die Japaner da. Kunst bringt Geld und füttert die Seelen der Einheimischen.

STANDARD: Beantwortet jetzt aber nicht die Frage nach den Spitzengehältern der Kulturmanager?

Turrini: Wenn die kleinen und mittleren Theater nur durch Selbstausbeutung überleben, muss man ja in großen Institutionen nicht unbedingt mehr als der Bundespräsident verdienen.

STANDARD: Viele Ensemblemitglieder bezeichnen Hartmann als extrem schwierig und attestieren ihm einen autoritären Führungsstil.

Turrini: Schwierig? Manchmal ist er unerträglich, autistisch und größenwahnsinnig. Aber das sind im Theater fast alle, bei Zeiten auch ich. Hartmann, den ich schon sehr lange kenne, ist ein großer Theaterzampano. Er bringt alle zum Phantasieren. Aber die grundsätzliche Antwort auf Ihre Frage lautet: In schlechten Zeiten rudert man nicht davon. Hartmann wurde in Wien mit offenen Armen empfangen, aber derzeit verwandeln sich die offenen Arme in Würgegriffe. Erst heißt es "Hosianna!" und dann "Kreuzigt ihn!". Das ist zwar biblisch, aber auch sehr österreichisch. Nehmen wir das Beispiel Kindertheater an der Burg. Alle haben es mit Zustimmung und Begeisterung angenommen, und jetzt wird es schlechtgeredet.

STANDARD: Niemand hat etwas gegen das Kindertheater. Kritisiert wurde, dass die Burg von Hartmann als eine Art Family Business geführt wird: Seine Frau inszeniert im Kasino am Schwarzenbergplatz, Schwester und Schwager leiten die junge Burg.

Turrini: Was will man, Arbeitsverbot für Verwandte? Die Arbeit von Hartmanns Schwester kenne ich aus Zürich, sie war dort sehr erfolgreich. In Deutschland gilt sie als Expertin für Kinder- und Jugendtheater. Aber wenn einer in Verschiss gerät, dann wird alles zum Vorwurf. Solche Ausbrüche und Vernaderungen hat es in der Peymann-Zeit auch gegeben. Stichwort: "Schließtage-Skandal". Die meisten wussten gar nicht, was ein Schließtag am Theater ist, manche verstanden "Schließmuskeltag" und schrien, dieser Peymann sei ein Saubartl und solle sofort zurück nach Deutschland gehen.

STANDARD: Das war doch eine Petitesse im Vergleich zur aktuellen Krise.

Turrini: Es ist tatsächlich dramatisch, was man derzeit zu hören und zu lesen bekommt. Viele Leute fragen sich, wozu man dieses geldverschlingende Theater überhaupt braucht und in den Postings der digitalisierten und anonymisierten Vernaderung liest man, dass kein Mensch diese verrückten Künstler braucht, dass man alle Subventionen abschaffen soll und die Theater schließen soll. In solchen Zeiten geht es um den Stellenwert des Theaters in dieser Gesellschaft und nicht darum, ob im Burgtheater ein paar Zetteln verschwunden sind oder nicht.

STANDARD: Tatsächlich sind nicht ein paar Zetteln verschwunden, da geht es um richtig viel Geld. Abgesehen von der Kontrollfunktion der Bundestheaterholding: Am Burgtheater herrscht das Vieraugenprinzip, sowohl die kaufmännische Direktorin als auch der künstlerische Direktor sind  verantwortlich.

Turrini: Ich bin dafür, die Funktionen klarer zu trennen. Der Finanzmensch ist für das Geld verantwortlich und der Schauspieldirektor für die Magie des Abends.

STANDARD: Apropos Magie des Abends. Was sagen Sie dazu, dass Hartmann jetzt auch noch selber Stücke schreibt, anstatt jungen Dramatikerinnen und Dramatikern eine Chance zu geben?

Turrini: Es geht mir auf den Keks. Ich habe mir eine Probe seines Stückes angesehen, in der Absicht, ihn davon abzubringen. Was ich gesehen und gehört habe, hat mir allerdings gefallen. Leider. (Andrea Schurian, DER STANDARD, 23.1.2014)

Peter Turrini (69), in Kärnten geborener Dramatiker, hat seit seinem furiosen Erstling "Rozznjogd" (1971) mehr als fünfzig zumeist gesellschaftskritische Stücke für Theater, Fernsehen und Hörfunk geschrieben.

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  • "Kunst bringt Geld und füttert die Seelen der Einheimischen": Peter Turrini verteidigt den Stellenwert des Theaters.
    foto: maria von usslar

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