Auslandssemester und der Kampf gegen die Bürokratie

22. Jänner 2014, 16:01
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Die EU fördert Studien im Ausland - Die Anrechnung der Leistung an der Heimat-Uni kostet Studenten viel Zeit und Nerven

Am Mittwoch feierte das offizielle Österreich die internationale Mobilität im Bildungsbereich. Gleich vier Minister und die zuständige EU-Kommissarin waren bei der Präsentation von "Erasmus +" dabei. Die Europäische Union stellt in diesem Programm zwischen 2014 und 2020 rund 40 Prozent mehr Mittel als bisher für den Austausch zwischen den Ländern zur Verfügung. Auf dem Papier sieht das gut aus. Trotzdem scheitert die Mobilität oft an den Niederungen der Bürokratie. Die Studenten warten wochenlang auf die Anrechnung ihrer Leistungen oder können nach einem Auslandsaufenthalt ihr Studium nicht wie gewünscht fortsetzen.

26 Prozent der Studenten, die ein Semester lang im Ausland studierten, haben an ihrer Heimatuniversität Probleme, sich die erbrachten Leistungen anrechnen zu lassen. Das ergab die Studierendensozialerhebung aus dem Jahr 2011. Laut der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) nimmt die Zahl der Anfragen mit derartigen Problemen zu. "Studierenden, deren Bachelorabschluss nicht zum Master passt, wird oft keine Zulassung zum Master gewährt, oder sie bekommen enorme Zusatzleistungen aufgebrummt", sagt ÖH-Vorsitzender Florian Kraushofer.

Unfreiwilliges Bachelorstudium

Davon betroffen ist auch Tinja Zerzer. Sie hat ihr Bachelorstudium in Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität Wien begonnen und es in Paris beendet. Geplant war dann ein Masterstudium an der Universität Wien. Daraus wurde aber nichts.

Zerzer absolvierte in ihrem Bachelorstudium insgesamt 164 ECTS-Punkte. ECTS-Punkte sind jene Maßeinheit für Vorlesungen und Seminare, die den Austausch zwischen den EU-Ländern eigentlich vereinheitlichen soll. Für die Zulassung zum Masterstudium an der Universität Wien müssen es aber 180 Punkte sein. Weiteres Problem: Die Pariser Uni stellte das Bachelorzeugnis erst im Dezember aus - und ohne dieses Dokument gibt es keine Anerkennung an der Wiener Uni, die Frist dafür läuft aber schon im November aus. "Mir wurde empfohlen, meinen Antrag zurückzuziehen", sagt Zerzer im Gespräch mit derStandard.at. Sie absolviert jetzt ein zweites Bachelorstudium.

"Ich hatte voll Panik"

Probleme gibt es aber auch umgekehrt: Der Schweizer Marius Wiher hat sein Bachelorstudium in Geschichte an der Universität Zürich abgeschlossen. Daraufhin wollte er ein Masterstudium an der Uni Wien anhängen. Das war allerdings nicht einfach und der bürokratische Aufwand enorm. "Erst kurz vor der Nachfrist im November wurde mein Studium anerkannt", erzählt Wiher.

Damit hatte er eigentlich gar nicht mehr gerechnet. An der Studienservicestelle hieß es im September, dass sich der Studienbeginn im kommenden Semester wohl nicht mehr ausgehe. Und das, obwohl er seinen ersten Antrag bereits im Juli gestellt hatte. "Ich hatte voll Panik", sagt Wiher. Schließlich war der Student extra fürs Studium nach Wien gezogen und war auf seinen Studentenausweis auch wegen Vergünstigungen wie dem Semesterticket für die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen.

Dass Wiher doch noch im Wintersemester studieren konnte, verdankt er vor allem jenen Professoren, die ihn zu Kursen zuließen, obwohl er offiziell noch nicht inskribiert war. "Trotzdem war ich monatelang im Ungewissen." Wiher kritisiert, dass sich die Universitäten nicht gegenseitig vertrauen und die Zeugnisse deshalb sehr genau prüfen. "Das dauert ewig." Er schlägt vor, die Studenten schon vor der endgültigen Anerkennung provisorisch zum Studium zuzulassen.

Universität verteidigt Vorgangsweise

Die Uni Wien verteidigt in einer Stellungnahme ihre Vorgangsweise: "Die Universität stellt umfangreiche Informationen zur Verfügung." Wenn das Bachelorstudium und das Masterstudium zum selben Fach gehören, dauere die Zulassung nur wenige Tage. Das gilt freilich nur dann, wenn beide Studien an der Universität Wien abgeschlossen wurden. Ansonsten wird genau geprüft. "Auch dann kann es schnell gehen, in Einzelfällen kann es länger dauern", sagt die Sprecherin der Uni. Wenn Studenten zwischen Bachelor- und Masterstudium das Fach wechseln, sei eine Einzelfallprüfung die Regel. Das sei nötig, weil die Studierenden durch Wahlfächer unterschiedliche Kombinationen von Studieninhalten absolvieren.

Die ÖH kritisiert, dass die Verwaltung der Universitäten nicht auf die Einführung des Bologna-Systems reagiert. "Studierende sehen sich mit großem bürokratischem Aufwand und Hürden bei der Anrechnung ihres Auslandsaufenthalts konfrontiert. Diese Hürden müssen abgebaut werden", sagt Vorsitzender Kraushofer. Die ÖH erwartet sich hier auch durch das neue Erasmus-Programm Erleichterungen.

EU-Kommissarin gelobt Besserung

Diese Hoffnungen sind berechtigt. In einer Stellungnahme für derStandard.at kündigt Bildungskommissarin Androulla Vassiliou an, dass mit dem neuen Programm auch garantiert werden soll, dass die Universitäten alle Leistungen anrechnen. Probleme außerhalb der EU-Programme seien schwieriger zu handhaben, da die Universitäten autonom sind. "Die Anrechnung kann in manchen Fällen lang dauern und es werden viele Dokumente und Übersetzungen benötigt", sagt auch Vassiliou. Die Universitäten würden sich dabei nicht immer an die Lissabon-Konvention halten, über die Anrechnungen von Studien in der EU geregelt werden. "Darum bemüht sich die Kommission weiterhin, die Anrechnung von Studien besser, schneller und fairer zu machen."

Trotz allem steigt die Anzahl jener Studenten, die ein Auslandssemester machen, kontinuierlich. Insgesamt absolvieren rund neun Prozent der Studenten ein Auslandssemester, rund 15 Prozent der Studierenden geben an, ein weiterführendes Studium im Ausland machen zu wollen. Tinja Zerzer wünscht sich für ihre Kollegen eine einfachere Anrechnung der Studienleistungen aus dem Ausland. Obwohl sie viele Probleme hatte, bereut sie ihr Studium in Paris nicht: "Ich habe Französisch gelernt, viele Leute getroffen und Erfahrungen gemacht, die ich nicht missen möchte." (Lisa Aigner, derStandard.at, 22.1.2014)

  • Einfach raus und etwas Neues kennenlernen, denken sich viele Studenten, die ins Ausland gehen. Bei der Anerkennung ihrer Leistungen haben 26 Prozent Probleme.
    foto: dpa/stratenschulte

    Einfach raus und etwas Neues kennenlernen, denken sich viele Studenten, die ins Ausland gehen. Bei der Anerkennung ihrer Leistungen haben 26 Prozent Probleme.

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