Abenteuer des Balkansky junior

Glosse22. Jänner 2014, 05:30
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An diesem sonnigen und jungen Frühlingstag ist meine Freundin noch hochschwanger. Wir essen Schnitzel im Garten der Wildsau und lassen uns vom Kellner, der ein erfahrener Vater ist, aufklären, womit wir es in der Zeit nach der Geburt unseres Kindes zu tun bekommen. Er fasst es in einem Satz zusammen: "Die finden immer was Neues!" Gemeint sind Mätzchen, Marotten und Missetaten unserer Nachkommen, die uns in ernsthafte pädagogische Ratlosigkeit bringen.

Wie recht dieser weise, weise Vater behält, erfahren wir immer wieder aufs Neue, weil unser Sohn beinahe im Monatstakt für eine frische ... hm ... Herausforderung sorgt. Was uns jedoch am meisten Sorge bereitet, ist die Antwort des Kellners auf die Frage, wie lange denn die lieben Kleinen immer was Neues finden. Er sagt: "Circa die nächsten 18 bis 35 Jahre! Wenn S' a Pech haben, a länger."

Ein Lama im Zimmer

Unsere Gelegenheitsnanny, das Nachbarskind Adriana, teilt nicht nur selten Flüche und Schienbeintritte im Ballkäfig im Park aus, sondern spuckt auch den ganzen Tag auf den Boden. Diese Sitte ist mir nicht fremd. Ich kenne sie von den Baustellen in Auckland, wo sehr viele Asiaten arbeiten und manche von ihnen die gesamte Arbeitsschicht über alle paar Sekunden auf den Boden spucken. Mein Chef Steve, der aus Yorkshire kommt, sagt mir, dies sei eine Folge des Glaubens, mit dem Speichel auch böse Säfte los zu sein. Weil ich das für Rassistenkacke halte, frage ich einen der spuckenden Asiaten selbst. Er rät mir, es ihm gleichzutun, um böse Säfte los zu sein. Gut. Steve ist doch kein Rassist. Oder beide verarschen mich.

Anders jedoch als diese Asiaten, die keineswegs Barbaren sind, die auch in ihrer Wohnung herumspucken, macht unser Sohn genau das. Nachdem er den Park vollspuckt und anschließend eine Spur aus Spucke bis zum Haustor legt, spuckt er in der Wohnung einfach weiter. Wir wissen, dass Adriana, im Gegensatz zu den Asiaten aus Auckland, nicht aus gesundheitlichen Gründen spuckt, sondern weil sie glaubt, das sei cool. Und wir wissen, dass Adriana, genauso wie die Asiaten aus Auckland, in ihrer Wohnung nicht auf den Teppich spuckt. Doch unser Sohn weiß das nicht, vielmehr ist er fest davon überzeugt, dass Adriana nur dann nicht spuckt, wenn sie schläft.

Doch Adriana ist ein gutes Kind. Nachdem wir ihr erklären, was uns quält, hört sie auf zu spucken. Und sagt unserem Sohn, dass man zu Hause nicht spucken darf. Das versuchen wir zuvor auch, aber er beschließt es erst zu glauben, als er es von Adriana gesagt bekommt. Was jedoch wurscht ist, Hauptsache, der Teppich ist nicht mehr feucht. Einige Tage lang geht unser Sohn alle zehn Minuten in das Bad und spuckt in die Klomuschel. Dann hört er auch damit auf. Und dann findet er etwas Neues.

Sigmund Freuds Besuch

Es ist so: Der Trafikant unseres Vertrauens ist ein netter Mensch, der unserem Sohn öfter mal etwas schenkt. Manchmal einen Kautschi, manchmal einen Lutscher. Vor kurzem war es ein Spielzeug-Akkuschrauber, den Kinder in Peking für Kinder in Wien machen. Er ist rot, mit einem gelben "Einschaltknopf" und einem grauen "Schraubkopf". Diesen will unser Sohn unbedingt in den Popo stecken.

Wir können dieses Experiment mehrere Male gerade noch verhindern. Dann gehen wir die Sache wissenschaftlich an. Wir untersuchen den "Schraubkopf". Das Plastik ist weich und kurz genug, um keine ernsthaften Verletzungen hervorzurufen, aber doch fest genug und geeignet geformt, um nur einmal zu versuchen, ihn in den Popo zu stecken. Unsere Wildemanns zustande gekommene Konklusion lautet: "Wast wos ... mir lossn eam afoch. Des mocht a nur a moi!"

Als unser Sohn wieder ankündigt, er wolle sich den "Kuku-Schraub" in den Popo stecken und wir ihm lediglich sagen, er soll es nicht auf dem Sofa machen, sondern im Badezimmer, blickt uns unser Kind eigenartig an. So wie Chucky, die Mörderpuppe, ihr nächstes Opfer anblickt. Als wir schaudernd, aber doch auch das ignorieren, geht er ganz langsam ins Badezimmer und singt: "Kuku-Schraub in Popo rein, Kuku-Schraub in Popo rein, in Popo rein ... "

Aus dem Badezimmer kommt er gelaufen. Und sagt: "Mama, Kuku-Schraub macht Auweh im Popo!" Wir sehen kurz im Popo nach, trösten das harmlose Auweh weg, schmieren noch etwas wissenschaftliche Babycreme zwischen die Backen. Wie gesegnet ist die Macht des Rationalen! Amen!

Der Kreislauf der Qual

Seitdem unser Sohn in der Lage ist, es zu tun, macht er unser Leben zu einem Parcours der überraschenden Begegnungen mit der irr-unschuldigen Irrationalität eines Kinderhirns.

Wir geben es beispielsweise auf, ihn zu überzeugen, das es gefährlich ist, Lutscher und leergetrunkene, aufgeblasene Fruchtsaftpackungen vor die Reifen eines einfahrenden Autobusses zu werfen, weil die Lutscher dann so schön krachen und die Packungen so schön knallen. Stattdessen machen wir mit und halten ihn dabei am Kragen. Die Leute im Wartehäuschen amüsieren sich köstlich, wenn der Busfahrer glaubt, ein Reifen sei geplatzt.

Als er beginnt, einfach jeden als Dumpfbacke zu bezeichnen, bringen wir ihm schlicht bei, stattdessen "Du Dampfgummi!" zu sagen, weil das noch sinnloser und daher weniger beleidigend ist als Dumpfbacke. Aus anderer Unflätigkeit, die er im Park aufsaugt, machen wir "Nazi", "Faschist" und "Patriot" zu weniger pejorativen Alternativen. Wie wir mit der neuesten Herausforderung umgehen sollen, wissen wir noch nicht. Zumal es so zu sein scheint, dass wir selbst schuld sind, dass unser Sohn seit kurzem allen Frauen, die ihn hochheben, vor Vergnügen quietschend die Brüste begrabscht. "Warum auch nicht" - so mag unser Kind denken - "wenn Papa das auch macht, weil er glaubt, dass ich schlafe, und wenn Mama dabei lacht, weil auch sie glaubt, dass ich schlafe?" Für den Augenblick lassen wir ihn grabschen, solange die Betroffenen das noch putzig finden. Wir hoffen einfach, dass es von alleine langweilig wird und erst in der Pubertät wieder interessant. Und begrabschen einander nur noch unter der Bettdecke und hinter verschlossenen Türen. Sogar wenn unser Sohn bei seinen Großeltern im Salzkammergut ist.

Ob das eine bequeme Kapitulation ist, mag wurscht sein. Ob es rational ist, kann angezweifelt werden. Ob es pädagogisch richtig ist oder nicht, wissen wir einfach nicht. Gewiss ist nur, dass es eine einzige Methode gibt, die wir niemals anwenden und die in gewissen Kreisen als "g'sunde Watsch'n" verharmlost wird. Ein Plastikbohrer im Popo, so stellen wir fest, ist allemal harmloser! (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 22.1.2014)

  • Symbolfoto. Balkansky jun. ist noch süßer.
    foto: istock.com / tirc83

    Symbolfoto. Balkansky jun. ist noch süßer.

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