Von der Angst, eine "Melkkuh" zu werden

21. Jänner 2014, 20:40
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Die Zusammenlegung von Wissenschafts- und Wirtschaftsministerium wurde heftig diskutiert - Nun melden sich neuerlich Experten zu Wort, die das nicht notwendigerweise dramatisch sehen

Die Aufregung war groß, als Wissenschafts- und Wirtschaftsministerium im vergangenen Dezember unter ein Dach wanderten. Universitäten hissten schwarze Fahnen. Die Angst vor einem Ausverkauf der Wissenschaft an die Industrie wurde in zahlreichen Kommentaren deutlich. Die Autoren sorgten sich über mögliche Folgen: Wissenschaftliche Erkenntnisse, die sich nicht in industriellen Anwendungen ummünzen lassen, hätten in Zukunft keine Chance mehr. Gemeint waren vor allem Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften, die "ohnehin benachteiligt" seien.

Eine Einschätzung, die der Innovationsökonom Andreas Schibany vom Institut für höhere Studien (IHS) nicht verstehen kann. Er verweist auf die letzte Globalerhebung aus dem Jahr 2011, die "gute Rückschlüsse auf die Verteilung der Forschungsmittel nach Sektoren und Wissenschaftsdisziplinen zulässt". Demnach entfielen auf den Hochschulsektor insgesamt 2,1 Milliarden Euro. Davon erhielten die Geistes- Kultur- und Sozialwissenschaften fast 25 Prozent (520 Mio. Euro). Auf die Humanmedizin entfielen 471 Mio. Euro (22 Prozent). Nur die Naturwissenschaften lagen mit 671 Mio. Euro (32 Prozent) darüber. Schibany sagt zum Standard: "Daraus lässt sich nun auch beim besten Willen keine Benachteiligung oder gar arge Unterfinanzierung erkennen."

Schibany fordert mehr Gelassenheit in der Diskussion. In keinem anderen Land würden sich Wissenschafter derart fürchten, als "Melkkuh für wissenschaftlich-technologischen Fortschritt" instrumentalisiert zu werden. Der Ökonom verweist auf die "selbstverständlich immer kürzer werdenden Produktlebenszyklen" und auf den "Innovationsdruck", meint aber, dass innovative Unternehmen sehr wohl wüssten, dass nur langfristige Forschungsarbeiten zu wirtschaftlichen Wachstum führen.

Eine Frage der Dotierung

Auch Reinhart Kögerler, Präsident der Christian-Doppler-Gesellschaft, hat kein Problem mit der Verknüpfung von Wissenschafts- und Wirtschaftsministerium. Er sagt: "Ich glaube nicht, dass die Freiheit der Wissenschaft deshalb Gefahr ist. Die Wirtschaft weiß, dass sie gute Wissenschaft braucht, die Politik weiß es auch. Es ist nur die Frage der Dotierung." Die Mittel müssten sowohl für die Universitäten als auch für den Wissenschaftsfonds FWF , die größte öffentliche Förderinstitution für Grundlagenforschung im Land, erhöht werden. Kögerler: "Mindestens um sechs Prozent jährlich."

Der gelernte Physiker vergleicht das österreichische Fördersystem mit jenem aus Deutschland. "Da die Strukturen der Wirtschaft und des Unisystems ähnlich sind." Die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG habe knapp drei Mrd. Euro zur Verfügung. Wenn man nun einrechnet, dass Deutschland zehnmal größer ist, müsste der FWF 300 Millionen haben. Kögerler: "Er hat aber nur knapp über 200 Millionen." Ähnliches gelte für die Universitäten, die in Deutschland Ländersache sind. Die Christian-Doppler-Gesellschaft lebt von heimischen Unis und ihrer Infrastruktur. Die vom Wirtschaftsministerium und von jeweiligen Unternehmenspartnern finanzierten Labors sind ausschließlich bestehende Strukturen, die für sieben Jahre zusätzlich Mittel bekommen, um industrienahe Forschung zu betreiben. Politiker und Förderer sprechen von einer Erfolgsgeschichte in Sachen Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft.

Eine Verschlechterung der Dotierung für Grundlagenforschung befürchtet Kögerler nicht. "Wissenschaft rückt endlich mehr ins Zentrum der Regierung. Vielleicht eine Chance, mehr Achtung für unsere Themen zu bekommen. Unter der Missachtung haben wir lange genug gelitten." Auch als es noch ein eigenes Wissenschaftsministerium gab. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 22.1.2014)

  • Diese Tafel ist Geschichte. Aber wohin geht der Weg des Wissenschaftsministeriums? Der Innovationsökonom Andreas Schibany mahnt zu mehr Gelassenheit in der Diskussion.
    foto: standard/corn

    Diese Tafel ist Geschichte. Aber wohin geht der Weg des Wissenschaftsministeriums? Der Innovationsökonom Andreas Schibany mahnt zu mehr Gelassenheit in der Diskussion.

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