Die tiefe Kluft zwischen Lehre und Leben

21. Jänner 2014, 18:34
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Vatikanische Familien-Umfrage: Basis-Watsch'n aus Österreich - "Echte Diskussionen" in Rom erwartet

Wien - Kommenden Sonntag reisen die österreichischen Bischöfe zu ihrem Ad-limina-Besuch in den Vatikan. Und das "Mitbringsel" für den Papst ist durchaus brisant. Im bischöflichen Gepäck findet sich nämlich das Österreich-Ergebnis der weltweiten Vatikan-Umfrage zu Themen wie Homo-Ehe, Verhütung und Familie.

Mehr als 34.000 Österreicher haben laut Kathpress den Fragebogen zur Vorbereitung der Familiensynode ausgefüllt, wobei die Beteiligung in den einzelnen Diözesen massiv schwankte. So kamen aus der Diözese Graz-Seckau gleich rund 26.000 Antworten, aus der Diözese St. Pölten gerade einmal rund 150. Grund dafür dürfte sein, dass einige Diözesen einen vereinfachten Fragebogen online stellten und auf unterschiedlichen Wegen verbreitet haben. Andere begnügten sich mit dem mehrheitlich sehr sperrig formulierten Originaldokument.

Doch groß ist die Diskrepanz nicht nur bei den Teilnehmerzahlen. Das Ergebnis der päpstlichen Nachfrage in den Diözesen zeigt nämlich deutlich: Der Familienbegriff der römisch-katholischen Kirche unterscheidet sich erheblich von jenem ihrer Mitglieder.

Liberal bei "heißen Eisen"

So haben etwa in Graz auf die Frage, ob "geschiedene Personen, die wieder geheiratet haben, die Sakramente der Eucharistie (Kommunion) und auch der Versöhnung (Beichte) empfangen dürfen", 96 Prozent mit Ja geantwortet und nur vier Prozent mit Nein. Ebenso eindeutig die steirische Antwort auf die Frage "Teilen Sie die ablehnende Einstellung der katholischen Kirche gegenüber gleichgeschlechtlichen eingetragenen Partnerschaften?": 29 Prozent Ja, 71 Nein. Und 95 Prozent finden, die Kirche sollte die Verwendung von hormonellen Methoden der Empfängnisverhütung oder Kondomen akzeptieren. Auch in den anderen Diözesen zeigen sich die Katholiken deutlich liberaler als die Kirchenlehre: In der Diözese Innsbruck sieht man "die größte Diskrepanz zwischen Lehre und Wirklichkeit" in Fragen der Empfängnisregelung, des Umgangs mit Menschen in zweiter Ehe und in der Bewertung der Homosexualität.

Auch in Kärnten - 1700 Gläubige der Diözese Gurk-Klagenfurt haben teilgenommen - gaben fast vier Fünftel (78 Prozent) der Befragten an, die ablehnende Haltung der Kirche gegenüber gleichgeschlechtlichen eingetragenen Partnerschaften nicht zu teilen.

Im Erzbischöflichen Palais in Wien sitzt der Schock angesichts der deutlichen, wenn auch wenig überraschenden Ergebnisse tief. In einer ersten Reaktion verspürte Kardinal Christoph Schönborn "Schmerz und Hoffnung": "Es bewegt mich sehr, dass so viele Menschen geantwortet haben, auch wenn oft vehemente Kritik an der Kirche geübt wird." In der Ernsthaftigkeit der Antworten zeige sich eine Verbindung von kritischem Geist und tiefer Sorge für die Zukunft der Familien und der von familiären Problemen betroffenen Menschen.

Gesprächsbedarf in Rom

Für Jan-Heiner Tück, Vorstand des Instituts für Dogmatische Theologie an der Universität Wien, ist mit dem Ergebnis klar, dass man im Vatikan jetzt nicht "einfach zum Alltag übergehen kann". Tück: "Man kann dieser Differenz zwischen Lehre und Leben nicht mehr ausweichen, man wird darüber beraten müssen." Es werde also bei der Sonderbischofssynode vom 5. bis 19. Oktober 2014 "echte Diskussionen" unter den Bischöfen geben. (mro, DER STANDARD, 22.1.2014)

  • "Man kann dieser Differenz zwischen Lehre und Leben nicht mehr ausweichen, man wird darüber beraten müssen."
    foto: apa/jäger

    "Man kann dieser Differenz zwischen Lehre und Leben nicht mehr ausweichen, man wird darüber beraten müssen."

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