Fleisch ist ihr Gemüse

21. Jänner 2014, 17:17
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Martin Schirenc erinnert mit seiner wiederbelebten Band (The Church of) Pungent Stench daran, dass böser heimischer Death Metal gut gegen das Altern ist - und sehr viel Spaß macht. International erfolgreich ist er auch

Wien - Wenn man langsam in ein Alter kommt, in dem sich eine Midlife-Crisis anbieten würde, hat man es als Death-Metaller sauschwer. Gerade im Vergleich zu Männern mit verhaltensunauffälligeren Biografien fehlen einem vom Image her ein wenig die Fluchtpunkte ins Extreme - und seien es nur guttural gesungene Schmähreden auf die Zivilisation, martialische Angeber-T-Shirts mit Monstern und Blunzngröstl drauf, drastische Tattoos und ein Betriebstempo, bei dem der Tod mit seiner Schaufel beim Hinterherrennen nicht nachkommt.

Kurz, alte Halbstarke mit dem Spezialgebiet volle Härte haben hier das Nachsehen. Noch mehr Temposünden auf der Gitarre, weitere Erregungen öffentlicher Ärgernisse oder Verstöße gegen den guten Geschmack, die guten Sitten und die Restvernunft sind eigentlich nicht möglich. Aber wie bloß kann man der Angst vor der Hinfälligkeit Einhalt gebieten?

Eine Urschrei- oder Gesprächstherapie erübrigt sich sowieso. Wenn man sich wieder einmal die alten Platten anhört, hatte man das erstens schon. Zweitens würde man dauernd beim Onkel Doktor nachfragen müssen, was er gerade gesagt hat. Man hört ein wenig schlecht.

Martin Schirenc, das Mastermind des zu ihrer Hochzeit vor 25 Jahren zünftig prügelnden und einschenkenden Wiener Death-Metal-Trios Pungent Stench, mag in den letzten Jahren zwar versucht haben, etwas leiserzutreten. So machte er mit der nach Satans Blasmusik klingenden, aber in Wahrheit nach einer Ortschaft im Bezirk Wiener Neustadt benannten Band Hollenthon symphonisch angelegte, ruhigere Metalmusik mit zivilisationskritischen Texten für reifere Hörer.

Das klang dann ein wenig so, als ob der Sänger von Rammstein sein Kind mit klassischer Musik und in englischer Sprache von singenden Mönchen und Lillifeen aus dem Morgenland aufziehen lassen würde. Obwohl die Partie anderswo die Hallen füllte, war sie hierzulande eher unbekannt.

Sein Mitwirken in der internationalen All-Star-Band Zombie Inc. war dann allerdings zuletzt auch dank des Albums Homo Gusticus im Vorjahr ein Schritt zurück in die richtige Richtung: Pure Vernunft darf niemals siegen! Nach der Zivilisationskritik kommt gewöhnlich das Ende. Ein Zombie, ein Untoter, das auf reinen Konsum roten Fleisches ausgerichtete gierige, gefräßige, kannibalistische, hirnlose Wesen am Ende aller Tage ist diesbezüglich natürlich ein ultimatives Statement.

Hinterfotzig und unbelehrbar

Interessanterweise hatte es in der an Grauslichkeiten, an guttural herbeigegrunzten Apokalypsen und Unmenschlichkeiten reichen Geschichte des Metal bisher noch keine Band gegeben, die sich als Zombies verkleidet und zu Hochgeschwindigkeits-Ungusteleien ausschließlich Zombiebelange verhandelt.

Nun entdeckt Martin Schirenc als Mann im besten Alter aber, dass es für die noch viel konsequentere Neuauflage einer glücklichen Jugend nie zu spät sein darf. Aufgrund eines Wickels mit dem alten Schlagzeuger nennt er sich heute aus rechtlichen Gründen zwar The Church of Pungent Stench. Die jetzt in Wien startende Europa- und US-Tour wird dennoch ausschließlich alte Klassiker des mit Unterbrechungen von 1988 bis 2007 existierenden Trios Pungent Stench bieten.

Mit Alben wie For God Your Soul ... For Me Your Flesh oder Been Caught Buttering und den frontalen Hirnlappen attackierenden alten Hits wie Splatterday Night Fever oder Happy Re-Birthday wird Schirenc auch an eines erinnern:

Diese alarmistische, hinterfotzige und unbelehrbare Musik mit Uuuaaarggh! und Hurrrga! statt Obla Di und Obla Da verkaufte vor 20 Jahren international mehr als Kruder & Dorfmeister oder Falco. Sie machte Pungent Stench in Ländern bekannt, die man nicht gleich auf der Landkarte findet. Selbst wenn man es nicht merkt: Sie steht auch dafür, dass in Österreich Humor und Musik immer gut miteinander können. Und jetzt das Lied mit der Knochensäge! (Christian Schachinger, DER STANDARD, 22.1.2014)

The Church of Pungent Stench live: Fr., 24. 1., Arena, 1030 Wien

Link

www.arena.co.at

  • Schlagzeuger Mike Gröger (links), Bassist Dan Wall und Mastermind Martin Schirenc (Gitarre, Gesang) bringen als (The Church of) Pungent Stench guten alten Death Metal zurück auf die Bühne.
    foto: the church of pungent stench

    Schlagzeuger Mike Gröger (links), Bassist Dan Wall und Mastermind Martin Schirenc (Gitarre, Gesang) bringen als (The Church of) Pungent Stench guten alten Death Metal zurück auf die Bühne.

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