Sparringpartner zwischen doppelten Böden

21. Jänner 2014, 17:42
posten

Österreichische Erstaufführung von "Luzid" im Wiener Kosmostheater

Wien - Wie man sich doch über einen simplen Restaurantbesuch freuen kann: Teté und Lucrecia, von Sohn bzw. Bruder Lucas zu dessen 25. Geburtstag eingeladen, tänzeln auf hohen Hacken herum und wackeln aufgekratzt auf ihren Stühlen. Das erhobene weiße Podest auf der Bühne (Vincent Mesnaritsch) dient ihnen als Laufsteg, Restauranttisch und viel später gar als doppelter Boden, in dem man verschwinden kann.

Doppelbödig ist auch die Geschichte. Rafael Spregelburds Luzid, das in der Regie von Esther Muschol im Kosmostheater österreichische Erstaufführung hatte, erzählt von Lucas, der das luzide Träumen übt. In seinen Träumen will er den Ausgang der Dinge verändern - und sei es nur, um den vorprogrammierten Familienstreit beim Abendessen abzuwenden. In Wahrheit sind die Verhältnisse alles andere als harmonisch: Mutter Teté, von Doris Hindinger wunderbar fahrig und überspannt gegeben, und Schwester Lucrecia (Sophie Aujesky) sind sich nicht grün. Über dem weißen Podest schwebt eine schwarze Bande wie bei einem Boxring.

Auch Lucas und seine Mutter scheinen sich darin wie Sparringspartner gegenüberzustehen: Er will ihre symbiotische Beziehung auflösen - und verkleidet sich deshalb im Zuge einer sogenannten Gestalttherapie als seine Mutter. Wenn Florian Graf im Kleid, mit hohen Absätzen und Muschelschmuck, seinen Auftritt hat, ist das genauso komisch wie die pointierten Dialoge, die sich die Schauspieler vor die Füße werfen wie einen Fehdehandschuh. Komik und Tragik halten sich bis zum überraschenden Ende die Waage, man erfährt von angeblichen Traumata, Organtransplantationen, unbeantworteten Briefen und Geldforderungen.

Der schnelle Wechsel zwischen Behauptung, Lüge und Enthüllung funktioniert nicht nur deshalb reibungslos, weil die Übergänge punktgenau sind. Auch die starken Schauspieler (Helge Stradner gibt Darío, einmal Kellner, einmal Hausfreund Tetés) bleiben konzentriert und präsent. So machen sie aus einer anspruchsvollen, nicht ganz unkomplizierten Geschichte einen sehr unterhaltsamen Abend. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 22.1.2014)

Bis 1. 2., jeweils 20.00

Link

Kosmostheater

Share if you care.