Gans, warm in der Stadt

29. Jänner 2014, 11:30
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Vom Experten im Eis zum urbanen Hipster: Für Canada-Goose-Jacken können sich immer mehr Großstädter erwärmen - warum eigentlich?

Ausgerechnet die Antarktis, eine der menschenärmsten Regionen der Welt, wird von einer rätselhaften Mordserie heimgesucht. Ein weiblicher US-Marshall beginnt zu ermitteln. Oder: Eine Eiszeit überrascht New York, ganz Manhattan ist eingefroren. Ein Vater macht sich in Polarausrüstung auf den Weg, seinen eingeschlossenen Sohn zu retten. Oder: Eine norwegische Forschergruppe entdeckt in der Antarktis ein Raumschiff, in dem sich ein tiefgefrorener Alien befindet. Wer wird überleben?

In keinem Kleidungsstück wurde die Welt dermaßen oft gerettet, wie in den Jacken der Marke Canada Goose. Sinken die Temperaturen dramatisch unter null, dann wissen Hollywood-Ausstatter, was sie ihren Helden anziehen müssen - sei es im Thriller Whiteout (2009), dem Emmerich-Katastrophenfilm The Day After Tomorrow (2004) oder dem Remake des Horrorklassikers The Thing (2011) von John Carpenter, der eigentlich in den 1980er-Jahren spielt. Da gab es die Marke Canada Goose genau genommen noch gar nicht. Vorsorglich entfernte man deshalb im Film das markante Label, die Antarktis-Karte am Ärmel.

Funktionale Jacken

Die Geschichte von Canada Goose begann unter einem anderen Namen. 1957 gründete ein polnischer Einwanderer namens Sam Tick im kanadischen Toronto die Firma Metro Sportswear Ldt., in einer kleinen Lagerhalle wurden funktionale Jacken für Menschen hergestellt, die im Freien arbeiten: Aufseher von Naturparks, Polizisten und Gemeindebedienstete im Außendienst. Sonderlich schick fand diese Jacken damals keiner, sie waren einfach praktisch.

Ticks Firma, die zwischenzeitlich auch Snow Goose hieß, machte sich zudem einen Namen als Ausstatter von Polarexpeditionen und setzte verstärkt auf Extremsportler als Werbeträger. Der Hundeschlittenführer Lance Mackey etwa gewann als Einziger das berühmte Iditarod-Rennen in Alaska gleich vier Mal in Reihe. Canada Goose produzierte für ihn den Lance Mackey Constable Parka, mit übergroßem abnehmbarem Pelz.

Apropos Pelz: Es handelt sich um Kojotenfell, das ausschließlich aus der Überpopulation wildlebender Tiere stammt. Das Argument der Hersteller für echten Pelz: In extremer Kälte friert Kunstpelz sofort ein. Die Kritik der Gegner: Brauchen Jacken, die mittlerweile auch gern in der Großstadt getragen werden, wirklich Echtpelz? Canada Goose versucht in vielen Belangen, ein möglichst sauberes Image aufzubauen: Die Ausschussware geht kostenlos an die kanadischen Inuit, und beim Verkauf einer Produktserie wandert ein Teil des Erlöses in ein Schutzprogramm für Eisbären.

Canada Goose produziert Jacken für die kältesten Regionen der Welt; dass diese Strategie früher oder später auch in wärmeren Gefilden cool werden musste, liegt auf der Hand, schließlich verkauft man mit dem Produkt auch eine Sehnsucht: nach Wildnis, nach Abenteuer, nach Zugehörigkeit zu einer Expedition. Als der 28-jährige Dani Reiss die Firma 2001 übernahm, erkannte er diesen Lifestyle-Trend.

Echte kanadische Gans

Entgegen vorherrschenden Tendenzen, die Produktion in Billiglohnländer zu verlagern, setzte der junge Geschäftsmann auf hochpreisige und qualitativ hochstehende Produktion in Kanada. Die Jacken werden nach wie vor in einem Stadtteil Torontos von Hand genäht, manche Angestellte arbeiten schon seit vierzig Jahren in dem Familienbetrieb.

Die Daunen kommen von Hutterern. Die Glaubensgemeinschaft spricht ein altertümliches Deutsch und lebt freiwillig ohne Strom. Sie lassen ihre Gänse lange leben, bevor sie geschlachtet werden. Deshalb sind die Daunen größer, feiner verästelt und robuster als die meisten anderen.

Reiss setzte kaum auf klassische Werbekampagnen. Er verschenkte Jacken an Türsteher von Nachtklubs und an Ticketverkäufer vor Sportevents. Ein guter Trick, Jugendliche für die Marke zu interessieren. Breitenwirksam bekannt wurde Canada Goose aber erst durch das Kino der Nullerjahre. Stars wie Matt Damon, Maggie Gyllenhaal oder Emma Watson trugen die Daunenjacken auch privat und sorgten für einen Hype in Hollywood. Canada Goose hält die Preise bewusst hoch.

Hipster-Accessoire

Die Kunden zahlen gerne viel, wohl um zu beweisen, dass man sich dieses Luxusprodukt leisten kann. Erst seit ein paar Jahren ist aus dem arktischen Outdoor-Extremisten auch in Europa ein urbanes Hipster-Accessoire geworden. Besonders in Schweden, wo Coolness immer großgeschrieben wurde, sieht man die Marke, die in 44 Ländern erhältlich ist, häufig.

Für das teuerste Modell, den Snow Mantra, muss man rund 900 Euro hinblättern - und schwitzt garantiert höllisch darin. Wie ein Polarbär in der Großstadt, der mit sommerlichen Temperaturen kämpft. Die Jacke ist mit kleinen Nierenwärmern ausgestattet und erst ab minus 20 Grad sinnvoll. Aber wer weiß: Vielleicht kommt bald die nächste Eiszeit, dann will man ja schick aussehen, wenn man sich und die Welt rettet. (Karin Cerny, Rondo, DER STANDARD, 24.1.2014)

  • Die Hybridge-Serie von Canada Goose kommt ohne das typische Kojotenfell an der Kapuze aus. Temperaturen unter null sind auch bei diesen Modellen angebracht, damit man in der Stadt nicht schwitzt.
    foto: hersteller

    Die Hybridge-Serie von Canada Goose kommt ohne das typische Kojotenfell an der Kapuze aus. Temperaturen unter null sind auch bei diesen Modellen angebracht, damit man in der Stadt nicht schwitzt.

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