"Wien ist bis zur Unerträglichkeit ideal"

Interview21. Jänner 2014, 17:35
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Ein Vicomte und eine Marquise und der erotische Krieg: Starregisseur Hans Neuenfels inszeniert Heiner Müllers "Quartett" im Josefstadt-Theater. Ein Gespräch über Spiele

Wien - Quartett basiert auf dem Briefroman Gefährliche Liebschaften von Choderlos de Laclos und zeigt das in die Jahre gekommene Liebespaar Merteuil und Valmont blutig ineinander verkrallt. Heiner Müllers (1929- 1995) zynischer Abgesang auf die Kunst der Liebesanbahnung wird von Hans Neuenfels am Wiener Josefstadt-Theater inszeniert (Premiere: 6. Februar). Es spielen Elisabeth Trissenaar und Helmuth Lohner.

STANDARD: Zeit und Schauplatz seines Stücks "Quartett" hat Heiner Müller offengelassen: Frankreich vor der Französischen Revolution, zugleich "Bunker nach dem Dritten Weltkrieg". Wofür haben Sie sich entschieden?

Neuenfels: Ich denke, es spielt ganz besonders in den Gehirnen von zwei Menschen, die versuchen, ihre Vergangenheit mit einer Gegenwart zu verknüpfen, die nicht mehr existiert. Dieser Verlust wird ununterbrochen als eine Art Schmerz beschworen, als ein verzweifelter Prozess, die Existenz durchzuhalten. Es gibt witzige, klamottenhafte Sentenzen, was die meisten immer übergehen. Ich halte das für ganz entscheidend. Es hat auch etwas mit verbalem "Cross-Dressing" zu tun.

STANDARD: Merteuil und Valmont wechseln die Geschlechterrollen?

Neuenfels: Das sollte man nicht auslassen. Man muss die Müller'sche Literatur aber zur Gänze neu betrachten. Für eine solche Unternehmung ist Wien ein ganz besonders günstiger Ort. Fern der DDR, fern von Berlin kann man das Stück viel besser unter die Lupe nehmen.

STANDARD: Weit weg von der Heiner-Müller-Kirche mit ihren Päpsten, Propheten und Textexegeten?

Neuenfels: So ist es. Ich empfinde das als Befreiung, als ein Aufatmen. In einer historisch so verwinkelten Stadt wie Wien muss es wohl auch eine Nische für Müller geben. Über das Prinzip der Dialektik spricht man in Wien verzwickter, komplizierter, witziger. Wien ist die Stadt der Literatur, anders als Berlin, das die Stadt der internationalen Geradlinigkeit ist.

STANDARD: Aber Berlin ist doch auch größer, urbaner?

Neuenfels: Berlin hat sich stark verändert in den letzten 20 Jahren. Die letzte Quartett-Inszenierung von Heiner Müller fand 1994 statt und war mit Marianne Hoppe und Martin Wuttke besetzt. Sie, die große, alte Hoppe, saß auf einem Stuhl, er wuselte um sie herum. Das war eine sehr schachbrettartige Form der Unterhaltung.

STANDARD: Gilt nicht gerade auch für Müller der alte Bertolt-Brecht-Satz von der "durchschlagenden Wirkungslosigkeit der Klassiker"? Er wird gelobt, wenig gelesen und fast nicht gespielt?

Neuenfels: Die Hauptursache dafür besteht in der Verengung. Müllers Stücke wie Die Umsiedlerin entstanden in einer ganz spezifischen Situation. Die Zone zwischen den zwei Deutschlands haben wir hinter uns, wir wollen sie auch hinter uns haben. Wir können sie nicht mehr in der alten Kompliziertheit nachvollziehen. Ich denke, wir sind glücklich, dass wir heute Übergänge besitzen, um Müllers Literatur in einen anderen Zusammenhang zu stellen. Wir haben wieder eine europäische Perspektive. Wir Deutsche waren durch die Mauer abgetrennt von Europa, zumindest empfand ich das so. Die Situation ließ keinen Platz für das, was uns in Wahrheit interessierte, nämlich die europäische Literatur. Die Konfrontation zwischen den beiden deutschen Staaten machte uns sehr eng. Wir "waren" doch Frankreich, England, USA. Dann fiel die Mauer, und wir mussten erst einmal sehen, was unsere Nachbarn so getrieben hatten.

STANDARD: Man musste höflichkeitshalber das kulturelle DDR-Erbe sichten?

Neuenfels: Das hat uns meiner Meinung nach entsetzlich zurückgeworfen und von Punkten heruntergebracht, an denen wir schon angekommen waren. Kulturbetrieblich war das sicherlich enorm wichtig, geistig ebenfalls. Doch Quartett sollte den Blick nicht verengen, sondern weiten.

STANDARD: Luc Bondy artikulierte seinen Abscheu vor Heiner Müller mit der Feststellung, dieser sei zu brillant. Jeder Vers, jeder Satz ein Spitzenprodukt. Das sei lästig wie eine Dauererektion ...

Neuenfels: Pausen muss es aber geben. Die Brillanz ist insofern ein Problem, als man leicht den Eindruck gewinnen könnte, es mit einer Art von Aphorismensammlung zu tun zu haben. Dann bekommt der ganze Stoff etwas Unexistenzielles, er wird feuilletonistisch. Unser Bestreben besteht jetzt darin, den Text zu infiltrieren, ihn mit europäischer Literatur zu füllen.

STANDARD: Die Merteuil wird von Ihrer Frau Elisabeth Trissenaar gespielt. Was sagt man nach langjähriger Beziehung seiner Partnerin auf der Probe, wenn sie die Merteuil zu geben hat? "Sei verblüht"?

Neuenfels: Man müsste vielleicht sagen, dass es verdammt schwer ist, eine konstante Figur aus vielen verschiedenen Figuren zusammenzustellen. Ich müsste ihr also sagen, dass sie das essayistische Prinzip "halten" muss. Sie kann die essayistischen, kommentierenden Partien beibehalten und muss diese trotzdem in eine Figur verwandeln. Die Erkenntnis muss in Fleisch und Blut übergehen.

STANDARD: Und bei Valmont, gespielt von Helmuth Lohner?

Neuenfels: Muss die Erkenntnis in eine andere Art von Komödiantik übersetzt werden. Ich habe nie vergessen, dass Lohner ein großer Komiker ist. Der Probenprozess setzt ungeheure Energien frei.

STANDARD: Ist dieses Stück nicht auch eine wüste Polemik gegen den Skandal der Zeitlichkeit, gegen den menschlichen Verfall? Und das im Plüsch des Josefstadt-Theaters?

Neuenfels: Ich habe Einengungen in meinem Leben nie als solche empfunden. Für mich geht es um die Situation, die Konstellation der Schauspieler. Ich finde dieses Theater ideal für das Stück. Die beiden Schauspieler sind ideal. Mit allen Grenzüberschreitungen, die wir, schwierig genug, in die Wege leiten müssen. Aber mich hat die Sache interessiert. So wie ich mit Jonas Kaufmann und Anna Netrebko Manon Lescaut in München inszenieren werde. Da interessiert mich die Konstellation. Das sind jeweils Abenteuer, ich kann damit reinfallen oder gewinnen. Die Bedingungen hier in Wien sind bis zur Unerträglichkeit ideal. Aber das macht nichts. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 22.1.2014)

Hans Neuenfels (72) stammt aus Krefeld und gehört seit bald einem halben Jahrhundert zur Elite der deutschen Regie-Kunst in Schauspiel und Oper.

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www.josefstadt.org

  • Hans Neuenfels debütiert am Wiener Theater in der Josefstadt ausgerechnet mit dem "deutschesten" aller großen Autoren: Heiner Müller. Demnächst inszeniert er Puccinis "Manon Lescaut" in München u. a. mit Anna Netrebko.
    foto: apa/neubauer

    Hans Neuenfels debütiert am Wiener Theater in der Josefstadt ausgerechnet mit dem "deutschesten" aller großen Autoren: Heiner Müller. Demnächst inszeniert er Puccinis "Manon Lescaut" in München u. a. mit Anna Netrebko.

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